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?Attention Economy?: Wer verwaltet die Aufmerksamkeit?





12. March 2007 | René Seifert

Dieser Tage macht ein starker Aufsatz von Axel Iskold die Runde, der versucht die „Attention Economy“ nicht nur der Welt zu erklären, sondern durch eine unabhängige Instanz mit einem unternehmerischen Konzept zu gestalten. Die Überlegungen verdienen meines Erachtens zurecht Beachtung, weil das Thema eine ganze Reihe von ungelösten Problemen im Gepäck hat.

Das Thema ist keineswegs neu und geht im Kern auf einen „Old Media“-Begriff von vor über 10 Jahren zurück: „Zeitkonto“. Wie viel Zeit setzt jemand bewusst für das Lesen einer Zeitschrift ein oder hängt als Couch-Potato indolent vor einer Daily Soap ab. Das Kriterium ist aus meiner Sicht besonders relevant, weil es – technisch gesprochen – auf der unterersten Schicht aller Geschäftsmodelle in den Medien liegt. Der Kaufpreis einer Zeitschrift oder eine Kinokarte ist in gewissen Grenzen steigerbar, ebenso ein TKP durch eine besonders homogene und kaufkräftige Zielgruppe für eine bestimmte Fernsehserie.

Letzteres lässt sich in Zeiten von leistungsabhängigem Marketing wie z.B. Google AdWords vom Zeigen und Wahrnehmen einer reinen Werbebotschaft sogar unmittelbar bis zum Wert einer Transaktion nachverfolgen und dank geeigneter Instrumente ebenso gezielt nach oben schrauben. Unser Zeitkonto dagegen ist fix; und vor allem ist es endlich. Das Zeitkonto ist somit im klassischen mikroökonomischen Sinne ein „knappes Gut“, welches sich nicht vermehren lässt.

Ein kleiner Exkurs über ein Konzept zur Aufmerksamkeit, auf das ich im Januar beim Digital Lifestyle Day im Rahmen eines Vortrags von Linda Stone im Wortsinne „aufmerksam“ geworden bin: „Continuous Partial Attention“ als nächste Entwicklungsstufe zum herkömmlichen „Multi-Tasking“. Letztes beschreibt, dass man wie ein humanes Betriebssystem an verschiedenen Aufgaben gleichzeitig arbeitet, um sein Zeitkonto (vermeintlich) produktiver zu portionieren. „Continuous Partial Attention“ geht noch einen Schritt weiter, indem es ein Lebenskonzept im digitalen Zeitalter begreifbar macht, wo man als Knoten in einem vielfältig gestrickten Netzwerk „always on“ sein möchte, um als soziales Wesen ja nichts zu verpassen.

Das Konzept entpuppt sich als gewisser Segen, wenn man in einem langweiligen Meeting den dankbaren Ausweg hat, am digitalen Daumenkino namens Blackberry ein paar wichtigere E-Mails zu verschicken. Als Fluch kommt das Phänomen daher, wenn man auf einem Kongress mit einem anderen Teilnehmer beim small-talk herumsteht, während der Depp ungerichtet-hektisch an einem vorbeischaut, ob nicht gerade jemand „wichtigeres“ vorbeiläuft. Daher spricht Linda Stone auch davon, dass die neue „Ära“ dem „Unifocus“ gehört, bei dem man sich absichtlich und bewusst entscheidet, nur eine Sache mit Muße und Präzision zu tun. Find’ ich gut, so habe ich zum Beispiel während des Verfassens dieses Postings, mein Skype auf „beschäftigt“ gestellt.

Zurück zum Ausgangspunkt, wo es bei Unternehmen darum geht, um das hohe Gut der Konsumenten-Aufmerksamkeit zu buhlen. Am besten kommt man durch den Schutzschild durch, den sich jeder normale Mensch durch den Beschuss von mehreren tausend Werbebotschaften pro Tag zugelegt hat, wenn man dem Konsumenten etwas für ihn Relevantes zeigt. Auf das Internet und seine Topographie übertragen, landet man schnell bei lernenden Systemen. Solche, die anhand von bisherigen Mustern in der Aufmerksamkeit für eine Webseite oder eine Kaufgelegenheit maßgeschneiderte Vorschläge für künftiges Nutzungsverhalten parat haben. Und damit man nicht nur inzestiös in seinem eigenen Verbrauchersaft schmort, kann man über Konzepte wie „Collaborative Filtering" das Verhalten von offensichtlich ähnlich interessierten Individuuen aggregieren und zu hilfreichen Empfehlungen verdichten. Amazons legendäres „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, interessieren sich auch für abc …“ sind das beste Beispiel dafür.

Klingt zunächst mal nach der schönen neuen Welt im Internet, wo am Ende nur eine „win-win“-Situation herauskommen kann: Konsumenten bekommen nur für sie wirklich relevante Botschaften und die Unternehmen setzen mehr um. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn wer verwaltet am Ende all diese Daten über die Aufmerksamkeit, ja wem „gehören“ diese Daten eigentlich? Und schnell kommt man von einem „win-win“-Szenario in ein Dilemma: Natürlich wird sich jedes große Unternehmen, heiße es Amazon oder Google, darüber freuen, wenn es mehr über den Konsumenten erfährt. Aber gottlob besteht das Internet aus mehr als nur diesen beiden und anderen „Big Playern“. Zurecht fühlt man sich als Verbraucher verunsichert, seine kompletten Vorlieben zu offenbaren. Das Argument des Datenschutzes ist das eine, das andere der naheliegende Verdacht, dass man in einem Angebots-Oligopol mit Offerten eingelullt wird, die zwar nicht total neben der Spur liegen, aber im Hinblick auf unabhängige Relevanz ein fades G’schmäckle hinterlassen.

Daher plädiert Axel Idkold in seinem Aufsatz dafür, eine unabhängige und vertrauenswürdige Instanz einzurichten, die z.B. via Brower Plug-In das individuelle Nutzungsverhalten nachhält und übermittelt. Das Schöne an dem Konzept ist jedoch, dass man als Nutzer nicht nur vollkommene Transparenz über das Verfahren bekommt, sondern auch über jeden Schritt die volle Kontrolle behält: Was darf übermittelt werden, was nicht. Was wird gespeichert, was löscht man lieber. Und vor allem: Welches Unternehmen oder welche Cluster von Unternehmen dürfen auf welche Nutzungsdaten zugreifen. So ähnlich, wie man bei XING entscheidet, wem man welche Bestandteile seiner Kontaktdaten anzeigt.

Und schließlich muss der neutrale Aufmerksamkeitsspeicher eines können: Wenn man keine Lust mehr hat, alles löschen oder woanders hinnehmen, wo es einem besser gefällt. Danke für die Aufmerksamkeit : -)


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12. March 2007 - 13:12, abgelegt in Kategorie: Commerce, Content, Marketing

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