So, mich hat’s auch erwischt. Und ich war immer das größte Lästermaul, was die debilen Feeds bei Facebook angeht à la “XYZ just dug up some delicious truffles with the help of their pig in FarmVille” verbunden mit meine Reaktion “ich nie”. Nun ja, “sag niemals nie”, lautet einmal mehr das Gebot der Stunde. Wie ein Strudel, dem man sich nicht entziehen kann, fixt das Spiel einen an und lässt auch so schnell nicht mehr los. In Zahlen: Farmville ist mit 70 Mio. aktiven Spielern die mit Abstand erfolgreichste Facebook-App, doppelt so viele Installationen wie die Nummer 2 (“Causes”) und vermutlich sogar Twitter zahlenmäßig überlegen. Bei 350 Mio. Facebook-Mitgliedern ist das also jeder Fünfte ein Bauer.
Hinter dem Spiel steht die Firma Zynga aus San Francisco, die in 4 Runden US-$ 54 Mio. an Finanzierung eingesammelt hat, um damit eine Reihe von browserbasierten Social Games zu entwickeln. Der Clou: Anstatt sich dem Problem auszusetzen, mit viel Marketing-Aufwand Kunden zu gewinnen, propfen sich Zyngas Spiele voll und ganz auf bestehende Social Networks wie MySpace oder eben Facebook auf. Eine ganze Reihe von Social Games wie Mafia Wars, FishVille sind dabei schon entstanden, das mit Abstand erfolgreichste Flaggschiff heißt FarmVille.
Ich kann nur jedem aus der Online-Branche empfehlen sich aus rein professionellen Gründen mal in den Strudel reinziehen zu lassen, weil was die Macher von FarmVille in der Spielemechanik an Tricks aus dem Hut zaubern, nötigt einem unbedingten Respekt ab:
Die Einstiegshürde ist ein Klick, um die App auf Facebook bei sich zuzulassen, dann ist man dabei, steht auf einem Acker mit 6 Parzellen, dessen Gemüse darauf wartet abgeerntet zu werden. Mit den Einnahmen pflügt man das Feld frisch um und sät neu an. Erstes Erfolgserlebnis.
Das Prinzip ist super-einfach und erschließt sich auf Anhieb: Säen, warten, ernten. Kapital akkumulieren, wachsen und wieder säen. Finde das Ding aus pädagogischen Gründen übrigens auch für Kinder durchaus geeignet, um ihnen ein paar Grundlagen des Wirtschaftens spielerisch zu vermitteln.
Weil man seine Ernte nicht vergammeln lassen will, kommt man halt doch immer wieder zurück. Wenn man irgendwann auch Tiere auf seiner Farm stehen hat, dann wollen auch die Kühe gemolken werden. Stichwort: Wiederkehrrate.
Damit man mit zunehmender Spielaktivität den linearen Effekt “mehr vom Gleichen” vermeidet, arbeitet man sich in mehreren Stufen nach oben, was einem Saatgut für neues Gemüse oder die Möglichkeit zum zusätzlichen Landerwerb eröffnet. Zwischendrin gibt’s auch positive Überraschungen, wie irgenwelche Auszeichnungen oder sponate Goldnuggets, die einem als kleine Belohnungen das Leben versüßen.
Man spielt FarmVille nicht kompetitiv gegen andere, sondern geradezu mit anderen. Erst in diesem sozialen Kontext macht das Spiel richtig Spaß, wenn man sich mit Gratis-Geschenken beschert oder sich gegenseitig den Acker düngt, wovon man selbst sowie der “Nachbar” im Spielverlauf profitiert. Irgendwie hat das Spiel auch was von sozialer Gleichheit: So düngt mir der CEO der indischen Niederlassung eines großen deutschen Automobilkonzerns regelmäßig den Acker und ist ansonsten auch ganz vorne dabei, täglich sein Feld in Schuss zu halten :-)
Dieser Effekt in Kombination mit zahlreichen Anlässe seine kleinen Errungenschaften und Hilferufe in die Community zu verbreiten, machen FarmVille in der Ausbreitung viraler als die Schweinegrippe. Kundengewinnungskosten für das Unternehmen quasi Null.
Geld verdient Zynga auf ganz räudig geschickte Art und Weise: Man kann das Spiel ewig und auf alle Zeiten umsonst spielen. Allerdings haben die Spielentwickler äußerst geschickt an verschiedenen Stellen kleine, unaufdringliche Schmerzpunkte eingebaut, zum Beispiel: Wird der Acker mal groß, dann ist es mühsam das Feld mit der Hand zu bestellen. Mit den akkumulierten Münzen aus dem Erntezyklus kann man sich zwar einen Traktor kaufen, aber um auf Dauer dessen Sprit zu bezahlen, bedarf es der äußerst knappen Parallelwährung “FV-Dollars”. Diese kann man ganz einfach unter Einsatz der Kreditkarte mit echtem Geld aufladen.
Ich geb’s zu: Ich hab’ meine Kreditkarte auch schon zwei mal mit insgesamt 26 “echten” Dollar gebügelt, um da schneller voran zu kommen. Hey, aber wenn man zu zweit für einen 90-Minuten Film ins Kino geht, hat man den Betrag auch schnell für mehr oder minder planloses Entertainment durchgebrannt. Virtuelle Güter, wir kommen!
Wie es im richtigen Leben so spielt, wachsen die Bedürfnisse nach Erfüllung der Subsistenzsicherung auf der Maslow’schen Bedürfnispyramide mehr und mehr in Richtung künstlerischer Selbstverwirklichung. Heißt bei FarmVille: Ist man nach der ersten Kapitalaufhäufung finanziell aus dem Gröbsten raus, dann kann man sich seine Farm mit Häusen, Schuppen, Bäumen, Schubkarren, Windmühlen und jetzt zur Weihnachtszeit mit saisonalem Firlefanz wie Schneekugeln ganz persönlich einrichten. Auch da gibt es einige Artikel, die man nur gegen die begehrten “FV-Dollar” nach dem Umtausch richtiger Kohle kaufen kann.
Wenn ich mir die Farmen meiner “Nachbarn” (=Freunde), die ich besser kenne, näher anschaue, dann ist die Gestaltung ein nahezu perfekter Spiegel ihres Charakters. In einer kurzen Selbsteinschätzung zu mir und einem Screenshot meiner Farm oben: Sehr effizient, minimalistisch organisiert, auf Skalierung ausgerichtet. Ansonsten ein ästhetisch-gestalterischer Totalaufall.
Kuckt man sich hingegen diese Farm von meiner Nachbarin Philippa (“Mutti”) an, die das Verbrechen begangen hat, mich viral mit FarmVille zu infizieren, dann sieht man spielerische Kreativität, wo liebevolle Hege und Pflege von Flora und Fauna ein individuelles kleines landwirtschaftliches Paradies erschaffen haben.
Ja schee, gell. Wenn “Mutti” nicht die Gattin von einem meiner besten Kumpels wäre, dann wäre sie für mich im Rahmen von “Bauer sucht Frau” die ideale komplementäre Ergänzung … :-)
Manche Trends schwappen eben doch noch von den USA von uns. In Amerika machen bereits 81 % der Bevölkerung regelmäßigen Gebrauch von Gutscheinen, denn drüben blickt man auf eine alte Tradition aus dem 19. Jahrhundert zurück. Wenn man in den USA unterwegs ist, dann bekommt man an allen Ecken und Enden neben einem Flyer oder Prospekt gleich einen Coupon dazugesteckt, mit dem man einen ordentlichen Rabatt in X Prozent einheimsen kann. Häufig aber heißt es in der Ansprache “Buy 1 – get one for free” oder so.
In diesem recht zahlenintensiven Artikel von Money CNN wird unter Berufung PR Newswire die massive Größenordnung des Marktes beleuchtet: 231 Milliarden Gutscheine sind in diesem Jahr in den USA Umlauf, vor allem konnte man mit Einsetzen der Krise förmlich zusehen, wie sich aus gemeinen Käufern sparbewusste Schnäppchenjäger geworden sind. Alleine in den ersten 9 Monaten diesen Jahres wuchs die Ersparnis durch solche Coupons um 30 %, oder in absoluten Zahlen auf dem US-Markt um 600 Millionen Dollar, gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr zuvor.
Dieser Trend scheint auch an Deutschland nicht spurlos vorbei zu gehen. Als im August 2001 das Rabattgesetz und die Zugabeverordnung gekippt wurden, war schon mal die nötige gesetzliche Grundlage geschaffen. Immerhin bieten laut einer Mediastudie dieser Tage die Hälfte der Händler bereits in der einen oder anderen Form Gutscheine an, 12 % planen derartige Maßnahmen. In den meisten Fällen zahlt man als Händler beim ersten Verkauf über einen Coupon zwar drauf, aber diese Kundengewinnungskosten amortisieren sich leicht über den Customer Lifetime Value, wenn man mit dem Kunden von da an eine erfolgreiche Geschäfsbeziehung aufbaut.
Wie man es auch für diesen Sektor nicht anders erwarten würde, verlagert sich ein Großteil des Geschehens derzeit vom Papiergutschein zum Abschnibbeln hin zum virtuellen Gutschein zum Anklicken, wie es zum Beispiel das Angebot von www.paperball.de/gutscheine vormacht. In den USA wuchsen Online-Coupons noch schneller als der Gesamtmarkt, nämlich in den ersten 9 Monaten mit 41 % gegenüber dem Vergleichszeitraum ein Jahr zuvor. In Deutschland kommen sogar schon die Hälfte der eingelösten Gutscheine aus dem Internet.
Das Prinzip läuft online nach ähnlichem Muster: Diverse Services wie zum Beispiel www.gutschein-arena.de aggregieren die laufenden Angebote von den bedeutendsten Anbietern, die pro Firma oft zeitlich oder inhaltlich (auf bestimmte Produktkategorien) begrenzt sind. Ein Beispiel von einem bekannten Einzelhändler:
Details zum Neckermann Gutscheincode:
Gutschein Code: “XMAS” – hier klicken
Gutschein-Betrag: 10 Euro
Gültig bis: 13.12.2009
Mindestbestellwert: 25 Euro
Gibt man den Code am Ende der Bestellung im Online-Shop ein, so werden die 10 Euro automatisch gutgeschrieben.
Die wachsende Bedeutung des Internet lässt sich auch ein wenig am steigenden Suchvolumen für Gutscheine ablesen.
oder hier der Double-Key mit “Otto Gutschein“, der übers Jahr ein stetiges Wachstum hingelegt hat.
Gutscheine scheinen – im wahrsten Sinne des Wortes – ein krisensicheres Papier zu sein, welches sich gerade als nächstes zu seinem Siegeszug durch das Internet anschickt. Meine Progonose ist, dass wir demnächst noch extrem spannende Anwendungen in der Verbindung von Mobile, aktuellem Standort, Brick-and-Mortar Läden, dem eigenen Profil und dem Sozialen Netzwerk erleben werden.
Usecase: Ich lauf am Starbucks vorbei und mein PDA meldet mir: “Dein Kumpel Schorschi ist grad alleine drin, gesell Dich dazu. Starbucks gibt Dir 20 % Rabatt auf Dein Lieblingsgetränk Caffe Latte Venti.”
Wir sind einen weiten Weg gegangen in den – sagen wir – letzten 10 Jahren kommerzielles Internet. Aus ein paar bunten Online-Broschüren von allerlei Firmen haben wir eine E-Commerce Revolution erlebt, die Giganten wie Amazon oder eBay hervorgebracht hat. Isolierte Homepages von Privatpersonen haben sich vernetzt, das Phänomen „Blogging“ ist dabei hervor gegangen und trägt seinen Teil dazu bei, dem klassischen Journalismus das Wasser abzugraben. Eine Umdrehung auf dem Innovationsrad später kamen „Social Networks“ wie XING oder Facebook des Weges. Mit Twitter wiederum können wir unsere Freunde in maximal 140 Zeichen an für uns wichtigen Augenblicken teilhaben lassen.
So weit so gut, der Versuch einer Rückschau in einem Absatz. Wenn wir uns versuchen von der Hektik der täglichen „Announcements“ etwas zu lösen, wo Facebook die Welt in zwei Lager spaltet, ob der neue Newsfeed eine gute Idee gewesen ist oder den Untergang des Abendlandes bedeutet. Wenn wir versuchen in etwas größeren Linien nach vorne zu schauen, was die Zukunft der Internet bringen wird, dann können wir zu einer gedanklichen Reise ins Jahr 2014 antreten und mit dem Selbstbewusstsein von Zeitzeugen über das Geschehene der letzten 5 Jahre erzählen.
Bei der Gestaltung der Online-Zukunft kommt man zumindest in der kurzen Frist einmal mehr nicht an Google vorbei. Eric Schmidt hat sich dieser Tage auf einer Konferenz in Orlando über seine Sicht der nächsten 5 Jahre ausgelassen. Die Qualität solcher Prognosen durch den Google-Chef ist nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz zum Metereologen, dessen Prognose dem Wetter im Hinblick auf Regen oder Sonnenschein total egal ist, haben entsprechende vorausschauende Aussagen wenigstens teilweise den Charakter einer „Self Fulfilling Prophecy“. Zum einen weil Google mit entsprechenden Produkten selbst diese Zukunft gestalten wird und zum anderen weil der „Eco-System“ wie zum Beispiel Publisher ihre eigene unternehmerische Aktivität darauf ausrichten werden.
Was hat Eric Schmidt nun für die kommenden 5 Jahre im Visier:
Auch wenn heute noch englischsprachige Inhalte das Web dominieren, so soll sich dies in 5 Jahren zu Gunsten von Chinesisch drehen.
Das Web von Applikationen: Dafür scheinen die Teenager von heute schon das beste „Anschauungsobjekt“ zu sein, wie man nahtlos von App zu App hüpft.
Was unsere Hardware angeht, so wird sie im Rahmen von „Moore’s Law“ immer leistungsfähiger, genau gesagt, verdoppelt sie sich alle zwei Jahre. In fünf Jahren sind unsere Rechner zehn mal so schnell wie heute.
Gleichzeitig hält die Zunahme von breitbandiger Übertragung an, so dass man sich keine Gedanken mehr machen muss, ob man gerade „statische“ HTML-Seiten „ansurft“ (der Begriff klingt heute schon museal), Musik herunterlädt oder sich Bewegtbild in bester Qualität streamen lässt. Schmidt erwähnt auch, dass YouTube wohl anfängt nennenswerte Umsätze einzufahren, insbesondere da sich Inhalte mehr und mehr in Richtung Bewegtbild verlagern.
Das Web in Echtzeit ist ein erkennbarer Makrotrend, gleichzeitig für Google eine der größten Herausforderungen wie man diese Information erfasst (das kriegt man wohl schon passabel hin) und im nächsten Schritt bei den Suchtreffern sinnvoll unter den „anderen Ergebnissen“ unterbringt. Erschwerend kommt hinzu, dass das „Real Time Web“ eine soziale Dimension hat, mit der sich die Suchergebnisse für jeden unterscheiden.
Eine konkrete Ankündigung war Schmidt dann doch noch zu entlocken: Google will in im nächsten Jahr ein eigenes Netbook mit dem Google OS (Operating System) und HTML 5 herausbringen, welches lokales Caching im Offline-Betrieb zulässt.
Auch wenn Mobile in dieser Aufzählung nicht explizite genannt war, dann versäumt es der Google CEO sonst bei keiner Gelegenheit, auf dessen strategische Bedeutung für sein Unternehmen und das ganze Internet hinzuweisen. Ein paar Überlegungen über die Zukunft von Mobile auch hier kürzlich auf unserem kleinen eLAB-Blog.
Kein Zweifel: Das Internet in 5 Jahren wird abermals ein völlig anderes sein als wir es heute kennen.
Dieser Tage stolperte ich über diesen hervorragenden Denkanstoß aus dem McKinsey Quarterly “What will shape the wireless Internet?” (Gratis-Registrierung erforderlich) In der Tat die richtige Frage zum richtigen Moment. Vor nicht allzulanger Zeit im Jahr 2000 mit den UMTS-Versteigerungen und noch mehrfach zwischendrin kam man sich ja vor wie auf der Besuchertribüne von Cape Caneveral. Der Countdown läuft mit noch 30 Sekunden, 29, 28 … und wird dann wieder einmal abgebrochen. Die gefühlte Zuversicht “Jetzt muss es doch bald losgehen” zieht sich schon fast ein Jahrzehnt. Aber jetzt wirklich, die Zeichen mehren sich, jetzt geht’s los, jetzt geht’s los! :-)
Der Artikel wirft die relevanten Aspekte nacheinander auf:
Wird mobiles Internet der Ersatz fürs Kabel? Im Augenblick nutzen 90 % der mobilen User weniger als 2 GB pro Monat. Damit kommen die meisten per Kabel nicht wirklich weit. Daher ist diese Transformation bezogen aufs Datenvolumen noch Kaffeesatzleserei.
Kommt das mobile Internet von der Leistung an das fest Verkabelte heran? Im Augenblick noch nicht, wenn man sich so die mobilen 2 MBit/s im optimistischen Fall anschaut. Witzigerweise merken die Telcos, dass der Traffic aber so stark steigt, dass das nächste technische Upgrade für mehr Bandbreite bald angezeigt scheint.
Wo gehen die Nutzer für den besten Content und besten Applikationen hin? Darüber könnte man alleine schon ein paar Doktorarbeiten schreiben. Auf jeden Fall gehen sie nicht in den mobilen “Walled Garden”, den sich die Telcos seinerzeit bunt ausgemalt haben, der aber menschenleer geblieben ist. Obwohl das iPhone eines der lästigsten Probleme der mobilen Nutzung, nämlich sich Webseiten anzeigen zu lassen, halbwegs brauchbar gelöst hat, heben mobile Apps ab wie eine Rakete. Aber das Rennen ist mit den Aktivitäten von Nokia, Google und Microsoft noch alles andere als entschieden.
Über welche mobile Internet sprechen wir eigentlich? Gute Frage, so selbstverständlich wie “das von den Mobilfunkbetreibern” lautet die Antwort nicht. WiFi bekommt gerade durch das iPhone, aber auch andere Smartphones, erheblichen und unerwarteten Aufwind, wie Om Malik treffend beobachtet.
Wie sieht das Geschäftsmodell aus? In Sachen Zugang gibt es die klassischen Formen, auch in gemischter Ausprägung, Flat-Fee bzw. Datenvolumen. Das Modell “Flat” hängt wie auch im Kabelnetz immer bei den Extrem-Saugern durch, die weit überdurchschnittlich die Netze verstopfen, aber deswegen auch nicht mehr zahlen. Umgekehrt ist “Flat” ein prima Verkaufsargument, weil man ohne geistige Blockade mobil ins Internet geht. Datenvolumen kann auch richtig teuer werden, wie ich neulich in China durch selbst verschuldetes zügelloses Datensurfen zum Auslandstarif feststellen durfte. Paid Content ist der ewig tote Leichnam im Kabelnetz, scheint aber bei Applikationen für z.B. das iPhone eine gewisse Wiederauferstehung zu erleben. Medienzar Rupert Murdoch hat beispielsweise angekündigt, mobilen Zugang fürs iPhone und den Blackberry beim Wall Street Journal kostenpflichtig zu machen. Die Mischung aus Gratis-Apps und solchen zur Bezahlung ergibt ein neues Geschäft wo sich inzwischen auch schon sehr viele Developer tummeln.
Ein paar Fragen, mit denen man gerade mal an der Oberfläche kratzt. Freue mich über jeden gedanklichen Impuls.
Au wei, das ging bös ins Auge. Die Datensicherheit hat ihr Tschernobyl, ihren totalen GAU erlebt. Seit ich auf diesem Blog mit seinem ersten Post im Oktober 2006 herumschreibsle, hab’ ich’s noch nie so ernst gemeint wie jetzt:
Die 10 Minuten sind gut investiert, weil es einem wie Schuppen von den Augen fällt, wie angreifbar jeder von uns geworden ist. Bei Twitter sind nach einem Hackerangriff quasi alle internen Unternehmensmemos wie Zukunftstrategien, Finanzzahlen und Produktpläne an die Öffentlichkeit gelangt. Die meisten von uns verbringen nicht nur einen Gutteil unseres Lebens seines Lebens im Internet, vielmehr haben wir unser Leben im Netz regelrecht organisiert – Tendenz steigend. So toll die Web 2.0-Welt mit ihrer unbegrenzten Datenspeicherung “in the cloud” in Verbindung mit immer rechenintensiveren Anwendungen auch ist, am Beispiel des Hackerangriffs auf Twitter hat sie ihre Achillesferse offenbart. Der Artikel von Techcrunch schildert minutiös wie ein französischer Hacker über Monate akribisch einen Schritt vor den anderen gesetzt hat und am Ende mit reicher digitaler Beute von dannen zog.
Zugegebenermaßen ist nicht jeder von uns, sei es mit seiner Firma oder privat, ein so lohnendes Ziel dass sich solch ein Aufwand für einen Angreifer rentieren würde. Paranoia wäre sowieso der falsche Reflex: Das Rad der Zeit werden wir auch nicht wieder zurück drehen und auf der Wolfshaut sitzend Rauchzeichen in den Himmel blasen. Schaut man sich aber die Anantomie des Angriffs an, kann man kurz dankbar dafür sein, dass es einem selbst nicht passiert ist und man vor allen Dingen aus diesem Beispiel für sich und sein Unternehmen eine Menge lernen kann. Es ist Alarmstufe gelb gegeben.
Eine wesentliche Erkenntnis aus dem Vorfall unterstreicht den Trend, der auch in der Außenwahrnehmung von Menschen im Rahmen von Social Media nicht mehr aufzuhalten ist, nämlich dass das Private mit dem Dienstlichen zunehmend zusammen fällt. Hier wird getwittert, dort gemailt, da auf Flickr Bilder hochgestellt nur um drei von ‘zig Aktivitäten “in the cloud” zu nennen. Inhaltlich mischen sich Protokolle von Meetings an den Chef mit heiteren Liebesgrüßen aus Moskau. Dabei jedes mal das gleiche Spiel: Username, Passwort und “geheime Frage”. Oft genug für verschiedene Dienste identisch und weil’s so leicht zu merken ist als Passwort “Maria2006″, weil die gleichnamige Tochter eben in diesem Jahr geboren wurde. Uffz. Einen Scheunentor für jeden Hacker.
Nimmt man den Twitter-Gau wirklich ernst, so reicht es nicht aus hier und da ein paar Passwörter für sich selbst zu ändern. Die Sicherheit für die eigene Firma kriegt man nur dann wieder hoch, wenn man mit einem systematischen Teamansatz den Twitter-Angriff noch mal seziert und zeigt, dass ein einziger Mitarbeiter mit einer laxen eigenen Daten-Security die Sicherheit der ganzen Firma aufs Spiel stellen kann. Fällt der erste Domino-Stein, so fällt die ganze Aufstellung.
Noch hat man den Luxus, dass man die Sicherheitsmaßnahme als scharfe Übung ablaufen lassen kann, am Anfang des Drills sollte stehen:
Rückschau Twitter-Angriff: Was ist genau passiert
Unterscheidung starke vs. schwache Passwörter
Begleitende Risiken wie vermeintlich “Geheime Frage” und bestmöglicher Umgang
Überschneidung von privaten und dienstlichen Daten und Diensten
Nach einer Implementierungsphase von sagen wir einer Woche sollte jeder Mitarbeiter schriftlich bestätigen, dass er/sie für unternehmensrelevante Dienste “in the cloud”
Keine identischen Passwörter zwischen privaten Services einerseits und halbdienstlichen oder dienstlichen Services verwendet.
Die Passwörter hinreichend stark sind.
Die Antwort auf die geheime Frage nicht einfach für jeden, der es wissen will, gegoogelt werden kann. Eventuell muss man da “lügen” und sich die Lüge gut merken
Aus Sicht der Unternehmens sollte man sich auf die Agenda schreiben, die Security-Politik in regelmäßigen Zeitabständen zu wiederholen und mit neuen Best Practises anzureichern.
Abschließend sei gesagt, dass diese Maßnahmen allesamt ein alter Hut sind. Es ist nur die Trägheit der menschlichen Natur, die eine konsequente Umsetzung verhindert. Das Desaster von Twitter hätte es dafür nicht gebraucht. Aber leider musste auch erst einige Flugzeuge abstürzen, bis man auch vorher absehbare Sicherheitstechniken installiert hat. Daher ist es in der Woche 1 nach dem Twitter-Desaster ein guter Zeitpunkt, die eigene Datensicherheit in die Hand zu nehmen.
Ein paar Zeilen wollte ich noch von einem ersklassigen Event Anfang der Woche in München nachtragen: Das Global India Business Meeting in München, veranstaltet von Frank Richter, der sich nach seiner Zeit als Director für Asien beim World Economic Forum mit seiner Firma Horasis 2005 selbständig gemacht hat.
Mit über 200 Teilnehmern aus Indien, der indischen Diaspora, dem nahen Osten und Europa ging es um den Stand der Weltwirtschaftskrise, Globalisierung und Opportunities für Unternehmer im Kontext Indien. (Alle Bilder vom Event hier bei Flickr.)
Der indische Wirtschaftsminister Anand Sharma verwies in seiner Dinner Speech darauf, dass Indien nicht zuletzt dank einer restriktiven monetären Politik von dem direkten Effekt der Finanzkrise weitgehend verschont geblieben sei. Bei den Exporten habe das Land jedoch sehr wohl die zurück gehende Nachfrage zu spüren bekommen. Alles in allem sei man dank eines starken Binnenmarktes optimistisch, in diesem Jahr ein Wachstum von 6 bis 7 % zu erzielen. Mit einem frischen Mandat nach den Neuwahlen in Indien, aus denen die Regierung gestärkt hervor gegangen ist, müsse man vor allen Dingen ein “inklusives Wachstum” der 70 % auf dem Land lebenden Bevölkerung gewährleisten.
Gerhard Cromme, Aufsichtsratchef von Siemens und ThyssenKrupp, sprach über die Erfolgsfaktoren aus seiner langjährigen Management Erfahrung:
Lokale Präsenz: Indien kann man nicht aus dem Ausland “fernsteuern”, man muss sich vor Ort auf das Land einlassen und schnell Netzwerke aufbauen.
Lokale Mitarbeiter: Eine rein aus Expats bestehende Führungsmannschaft beißt auf Granit, frühzeitig sollte man indisches Personal einstellen und in Punkto Karrierechancen systematisch zu höheren Aufgaben entwickeln.
Geduld: Schnell geht in Indien gar nichts, manchmal steht alles still, und plötzlich passiert’s dann doch ganz schnell wenn man am wenigsten damit gerechnet hat.
Deckt sich nach über 5 Jahren Indien voll und ganz mit meiner Erfahrung. In einem anderen der äußerst intimen “Boardroom Dialogues” frage ich die CEOs von der beiden indischen IT-Riesen Infosys Kris Gopalakrishnan (links im Bild) und von Wipro Girish Paranjpe (rechts), welche Art von Dienstleistung ihre Unternehmen wohl in 5 Jahren anbieten würden. Vor allem getrieben durch technologischer Innovation, wo Informatiker heute mit Hilfe von Open Source Stacks und Frameworks wie Ruby on Rails um ein Vielfaches effizienter Software entwickeln können sind als noch vor einigen Jahren.
Die Antwort war wirklich sehr interessant: Bisher arbeiten indische IT-Outsourcing-Firmen als reine Dienstleister auf Time- und Material-Basis in der Programmierung. Die beiden CEOs sehen die nächsten Schritte auf der Wertschöpfungskette in den Betrieb ganzer Business Anwendungen (z.B. in der Cloud) für einen Kunden. Dies kann sogar eine Beteiligung an Transaktionen zu den Kunden des Kunden bei diesen Anwendungen mit sich bringen. Insofern wäre der Integrationsgrad der indischen Firmen ein deutlich höherer, sie würden das Entwicklungsrisiko vorneweg mittragen, um anschließend direkt am Erfolg zu partizipieren. Beide waren sich aber einig, dass eine solche Transformation nicht von heute auf morgen geschieht und alte und neue Modelle über lange Zeit co-existieren werden.
Außerdem: Kam das Geschäft für die indischen Outsources bisher vor allem aus den USA, Großbritannien und noch ein bisschen aus Kontinentaleuropa, so sehen die Firmen wie Infosys und Wipro ihr Wachstum in neuen Märkten wie China, Südamerika und sogar Afrika. Die Anforderungen an Funktionen und Features seien dort sicherlich rudimentärer als bei Kunden in reiferen Märkten, aber in Punkto Volumen scheint sich dort eine große Opportunity aufzutun.
Klingt nach dem nächsten Kapitel Globalisierung, zu dem einem das Global India Business Meeting einen sehr kompakten Eindruck in hochkarätiger Besetzung verschafft hat.
Kann mich nicht zurück halten, auch meine 50 Cent Hirn zu dem Thema abzusondern, nachdem Wolfram Alpha seit 10 Tagen live ist und das Projekt von vielen schlagzeilenträchtig mit “Google Killer” überschrieben worden ist – wie man leicht rausbekommt wenn man ironischerweise nach “Wolfram Alpha Google Killer“, ähäm, googelt. 2,4 Mio. Treffer sind’s zur Stunde des Posts. Unter den Top 10 in deutscher Sprache finden sich unter anderem Chip und die FTD. Fairerweise gesagt kommen die beiden genannten Artikel in ihrer inhaltlichen Betrachtung zu keinen grundsätzlich falschen Bewertungen von Wolfram Alpha, ich frage mich nur wer jemals diesen Mist von “Google Killer” in die Welt gesetzt hat. Der Spiegel überschreibt seinen Artikel mit “Hype um den Wissenszwerg“, was dem Ganzen von Anfang an viel besser gerecht wird.
Nur am Rande auch hier eine kurze Bewertung der neuen Suchmachine. Wie ich Wolfram Alpha finde? Super. Als sublimer Mathe-Nerd könnte ich mich alleine schon den ganzen Tag damit rumspielen bei irgend welchen Funktionen die Variable zu verändern und zu staunen was bei den dazu gehörigen Graphen dabei passiert.
Aber darum geht’s nicht. Auch wenn man mal die nötige Zuspitzung von Schlagzeilen in Abzug bringt, so zeugt die leichtfertige Verwendung von “Google Killer” in den meisten Fällen von einem kolossalen Unverständnis dessen, was Google in den gut 10 Jahren seines Bestehens zum erfolgreichsten Unternehmen unserer Menschheitsgeschichte gemacht hat. In eine ähnliche Richtung geht die oft geäußerte Ambition von irgend welchen Start-Up Unternehmern wie z.B. “Wie werden das nächste Google im Entertainment”. Gähn und *Augen roll*.
Fangen wir mal makro-makro und auch ein bisschen doof an: Ob Googles Vorherrschaft in Zeiten von technologisch extrem beschleunigten und sich weiter beschleunigenden Technologie-Zyklen in Verbindung mit rasanter Verbreitung von Information durch soziale Netzwerke in x Jahren durchbrochen sein wird? Setzen wir x1 = 200. Vorausgesetzt, der Homo Sapiens hat sich bis dahin nicht seinen eigenen Untergang bereitet, würde ich mal mit einer probabilistischen Sicht sagen: Wahrscheinlich ja. Bei x2=100, wahrscheinlich auch noch. Bei x3=2, eher nein. Ok, was muss aber passieren dass irgendwann mein Prognosenpostulat auf Stammtisch-Niveau, der ohnehin die strikte Falsifizierbarkeit im Popper’schen Sinne fehlt, eintritt?
Das Verhalten der kollekten Internet-Nutzer müsste sich fundamental ändern. Was Google seit seinem Bestehen so stark gemacht hat war zunächst eine deutlich bessere Suche, die im Vergleich zu den damals operierenden Suchmaschinen deutlich relevantere Ergebnisse geliefert hat. Grund dafür war im Kern der PageRank-Algorithmus, der nur Rechnern eigenen Geschwindigkeit das gesamte Netz durchsucht hat. Wie andere Suchmachinen auch, hat Google dabei Volltext verschlagwortet. Neu war: Als Filter von Relevanz im Ranking wurde die zu grunde liegende Linkstruktur von Website zu Website genutzt. Die, und das ist so fundamental anders, von vernunftbegabten Menschen aufgrund ihrer Einschätzung von Relevanz gesetzt worden sind. Google hat also nichts anderes gemacht als den bestehenden Inhalt elegant zu organisieren und allen umsonst zugänglich zu machen. Alles nicht neu, aber in der jetzigen Debatte um Wolfram Alpha doch wieder mal wert, ins Gedächtnis zurück gerufen zu werden.
Vergleich das mal mit Wolfram Alpha. Woher die Daten kommen, weiß so recht keiner. Bei den wissenschaftlichen Funktionen, bei denen Wolfram Alpha so stark aufrumpft, wurden eher Verfahren und Methoden ins System programmiert und das kann dann für Oberflächenberechnung “Tetraeder” auch richtig was. Hut ab. Allerdings, wie groß ist im Marktvolumina betrachtet diese Art von Suche gegenüber “Last Minute Mallorca” oder “Bilder Britney Spears”? Genau …
Was Google vor allen Dingen geschafft hat ist bei einer weltweite Armanda von Publishern, von Großverlagen über Zierfisch-Ljiebhaber bis professionellen SEOs Momentum auf die Straße zu bringen, zu allem und jedem etwas zu schreiben, damit es von Google elegant organisiert und dann wieder auffindbar gemacht wird. Ich sehe das nicht bei Wolfram Alpha passieren, schon mal wegen des gänzlich anders gestrickten Produktprinzips. Der Anspruch, die Daten von Mitarbeitern in irgend einer Weise strukturiert ins System zu füttern, verbietet sich auch wirtschaftlichen Gründen vollkommen, wie das jähe Ende von Wikia neulich erst gezeigt hat.
Zwei weitere Gründe, weshalb “Google Killer” als Begriff so weit neben der Spur liegt: Neben der allseits bekannten Funktion von Google ist das Unternehmen auch DIE Infrastruktur-Company par excellence. Selbst wenn Wolfram Alpha kann was es kurz nach seinem Launch für eine handvoll Freaks kann: Skaliert das auch noch bei mehreren hundert Millionen Suchanfragen pro Tag, wie es bei Google der Fall ist? Alles andere als ein Kinderspiel, wie die vielen Downtimes beispielsweise bei Twitter im letzten Jahr belegen. Außerdem: Bei Wolfram Alpha dauert es schon ein bisschen bis sich so eine Ergebnisseite aufgebaut hat. Diese Usability-Erfahrung steht aber im diamentralen Gegensatz zu den User-Erwartungen von blitzschnellen Treffern, wo Google im Mikro-Sekunden Bereich optimiert, wie Produktchefin Marissa Meyer mal bei einer Präsentation erläutert hat.
Alles in allem wird der “Google Killer”, wenn er dann mal kommt, nicht versuchen dürfen frontal mit einer neuen Suche auf Google loszugehen. Bei dem Laden arbeiten die smartesten Köpfe der Welt, sich sich bei dem Thema rauf- und runter auskennen. Das heißt aber nicht, dass Google als Metapher für das dominierende Unternehmen im Netz nicht knackbar ist. Von Microsoft hätte es vor 10 Jahren auch niemand für möglich gehalten, bis eben Google kam und die Kategorie des Spiels völlig neu definiert hat. Genau das gleiche muss auch für den Google-Angreifer gelten. Eine neue Kategorie strategisch zu besetzen, vielleicht sogar neu zu schaffen, während Google damit beschäftigt bleibt die Cash Cow seines bestehenden Business zu melken. Vielleicht ist es ein Social Netzwerk à la Facebook. Oder ist es überhaupt “das Netz” in unserem heutigen Verständnis?
Konstantin Guericke ist ein deutscher Unternehmer, der seit 25 Jahren in den USA lebt und dort als Unternehmer unter anderem LinkedIn und in 2007 jaxtr (mit-)gegründet hat. Timo Heuer hat ihn auf der Next in Hamburg getroffen und in einem 10-minütigen Interview zu einer Reihe von spannenden Themen befragt:
Gründe für den weltweit einzigartigen Erfolg des Clusters Silicon Valley
Unternehmerstrategien für den Aufbau einer wirklich globalen Firma und Finanzierungsvoraussetzungen der großen US-amerikanischen VCs
Chancen von LinkedIn im deutschen Markt
Jaxtr als Mischung aus Internet- und Telekommunikationsunternehmen
Guerikes Motivation als Unternehmer und sein Appetit für nutzerzentriertes Internet, zunehmend aber auch Dienste, die per Sensoren Daten automatisch sammeln und daraus etwas Nützliches machen.
Ungeschoren kommt durch diese Jahrhundertkrise keiner, und muss man sich nicht weiter wundern, dass auch oder gerade Luxusmarken und ihre Premienprodukte von der Depression betroffen sind, wie der Economist in diesem anschaulichen Artikel “Bling for a Budget” schreibt.
A dramatic estimate of the decline during the holiday season was made by SpendingPulse, part of the MasterCard credit group, which calculated that luxury-goods spending between November 1st and December 24th 2008 was down 34% year-on-year. Bain thinks the first half of this year will also look grim.
Was tun, wenn bei der kaufkräftigen Klientel der Markengeldbeutel nicht mehr so locker sitzt und man gleichzeitig seine Positionierung als Premium-Produkt nicht durch einfache Preissenkungen vor die Hunde gehen lassen will? Auch da macht Not erfinderisch, wie ich neuerdings in Angeboten in meinem E-Mail Fach erkennen kann. Im Großen und Ganzen sind es zwei Strategien, die in Variationen oder auch Mischformen zur Anwendung kommen:
1. Mehr zum gleichen Preis: Um die Hoheit über die Premiumpreise zu behalten und nicht wie der billige Jakob dazustehen, wird nicht à la Aldi über Preise argumentiert, sondern über mehr Leistung zum gleichen Preis. Oder auch wie die Angebote von der Morgans Hotelgruppe über ein Guthaben aus heiterem Himmel von $75, welches man sich auf den Preis anrechnen lassen kann.
Richtig einfühlsam bis geradezu empathisch kommen einem die Packages vom Ritz-Carlton entgegen, wo man die Ansprache um die Aussage à la “wir sitzen alle in einem Boot” anreichert.
2. Zeitlich eng begrenzte Specials: Wenn man über den Preis argumentieren muss, weil man wie Fluggesellschaften seine Leerkapzitäten sonst gar nicht los kriegt, muss man der Mangelverwaltung wenigstens den Anschein von gaaaanz außergewöhnlich und vor allem nur gaaaanz kurz erhältlich verpassen. Unter dem Titel “Lufthansa Indien wird 50″ werden derzeit starke Angebote zu Schleuderpreise rausgehauen (auch wenn das natürlich keiner so sagt, bei Lufthansa zumindest nicht).
So kommt man einschließlich Steuern und Gebühren für umgerechtet EUR 1500 in der Business Class von Indien nach Europa und wieder zurück, wofür man sonst mindestens EUR 2,200 hinblättern muss. Noch krasser fällt der Unterschied bei Reisen in die USA aus: Was sonst mindestens EUR 5,500 in der Business z.B. nach San Francisco kostet, geht für EUR 2,280 her, inklusiver voller Meilen. Allerdings, und da sind wir beim “Trick”: Das Angebot wurde gestern angekündigt und endet morgen (8. Mai) auch schon wieder – freilich auch mit dem obligatorischen Zusatz der “wenigen begrenzten Plätzen”.
Austrian Airlines hat neulich was ganz Ähnliches gemacht: Für immerhin einen Buchungsphase von 2 Wochen konnte man für EUR 999.- in der Business Class von Wien nach Peking, Delhi, New York oder Washington. Die Strecken müssen bis 15. September abgeflogen werden müssen. Allerdings was das Fenster zur Buchung zwischen 17. und 30. April auch nur ganz kurz geöffnet.
Mal wieder eine kleine Buchbesprechung an dieser Stelle, gerade auch weil Jeff Jarvis’s Buch “What would Google do” als Teil des Strategieprozesses für eine eLAB-Beteiligung dient. Die Übersetzung gibt’s unter “Was würde Google tun“.
Einen ganz guten Eindruck bekommt man, wenn man mal durch die Stichworte in der Präse von Jarvis hier durchflippt.
Im ersten Teil geht das Buch auf das grundsätzliche andere Erfolgskonzept von Google ein: Dem User eine weiße Seite mit einem Suchschlitz anbieten, hinter dem sich die komplexeste Technologie überhaupt verbirgt und die vor allen Dingen einfach nur funktioniert. Dazuhin für den Nutzer völlig umsonst ist, wobei es Google gelungen ist “durch die Seitentür” ein Geschäftsmodell drumherum zu stricken. Aber es geht auch über www.google.com als Dienst hinaus. Neue Prinzipien, die bestehende Paradigmen über Bord geschmissen haben.
Allen voran, die Weitsicht sich nicht an sein Produkt zu klammern, sondern an den richtigen Stellen distribuiert zu denken und zu handeln.(Im Gegensatz dazu bezeichnet Jarvis Yahoo! als die letzte Media Company nach altem Zuschnitt, die versucht allen Traffic zwanghaft im eigenen Portal zu halten. Google dagegen stellt seine Maps, Google Analytic, seine Suche auch zur Einbindung auf anderen Seiten gratis zur Verfügung, setzt damit einen Fuß in die Tür und findet bespielsweise durch AdSense eine äußert lukrative Form der Kommerzialisierung.
Im zweiten Teil geht es um die gesellschafspolitische Dimension, die mit der Transpararenz von Google aber auch mit der eleganten Organisation unserer sozialen Beziehungen dank Diensten wie Facebook einhergeht. Die Zeit von Privatheit sei vorbei – endgültig. Sehe ich ganz genau so und hab mich deswegen schon vor rund 4 Jahren entschieden, meine Online-Präsenz lieber selber offensiv in die Hand zu nehmen bevor es andere tun ;-) Ganz sympathisch fand ich in diesem Zusammenhang auch sein Zitat “The age of openness is the age of forgiveness.”
Im dritten Teil nimmt sich Jarvis eine Reihe von Branchen vor und wendet die Google-Prinzipien auf unter anderem die Luftfahrtindustrie, Banken, Automobil an. Der Aspekt, dass Intermediäre zum Untergang verdammt sind, weil direkte Beziehungen zwischen Produkt und Kunde immer besser seien, findet sich ebenso oft wie “wisdom of crowds” durch smarte statistische Datenanalyse. Die Erkenntnisse daraus ließen personalisierte Angebote zu ebenso wie weiterführende Erkenntnisse für den Kunden, was seine künftigen Kaufentscheidungen angeht.
Schließlich empfieht er jedem Dienst, die heimlichen Mauern zwischen den singulären Kundenbeziehungen zu Gunsten von Communities aufzugeben, die – wenn das Produkt stimmt- zu regelrechtem Fanpotenzial entwickeln können (siehe Harley Davidson als Erfolgskonzept). Beeindruckend fand ich auch sein Kapitel über den Veränderungsdruck, den Parteien, Regierungen und ganze Staatsgebilder durch diese “Disitermediation” im Rahmen von Government 2.0 erfahren werden.
Ich würde dem Buch auf der 5-er Skala vier Punkte geben und kann die 240 Seiten mit gutem Gewissen empfehlen. Manchmal wirkt der Bogen zu Google etwas gewollt, liegt wohl am knackigen Titel und lässt bei allem Respekt vor Googles Leistung, die kollektive Errungenschaft der ganzen Internet-Community außer acht. Beim Internet kennt sich Jarvis zweifelsfrei sehr gut aus, wenn er sich dann aber Branche für Branche vornimmt, wirkt das eine oder andere ein wenig nach halbgarem Halbwissen. Alles in allem aber wie wir in Bayern sagen: “Basst scho”, vor allem auch weil Jarvis (ohne bestochen worden zu sein) Holtzbrinck eLAB als Erfolgsmodell für Innovation bezeichnet, die unabhängig vom bestehenden Geschäft des Stammhauses gewollt ist.