Hut ab, ich hab’ noch nie ein sowohl so gutes als auch so gut organisiertes Event besucht, über dem außerdem eine persönliche, fast schon intime Atmosphäre schwebt. Gestern ging in München die vierte DLD Conference zu Ende und es zeichnet ein gutes Event aus, dass es sich in Zeiten von schnellen Veränderungen ebenso weiter entwickelt. Von DLD für "Digital Lifestyle Day" hat der Name heuer eine Evolution in Richtung DLD für "Digital Life Design" unter dem Motto "Uploading the 21st Century" erfahren, was das ambitionierte Programm inhaltlich voll eingelöst hat. Insofern ist ein solches Event nicht nur ein Spiegel der aktuellen Trends in den zum Teil recht breit verteilten "Disziplinen" wie Internet-Business, Genetik, Globalisierung, Städteplanung, Architektur, Kunst, Literatur, Extremsport und alternativen Kraftstoffen, sondern eben auch genau jenes explosive Gemisch, aus dem die Energie für innovative Geschäftskonzepte frei gesetzt wird. Auf solchen Plattformen, auf denen man Experten zuhört und anschließend sich und seine Visitenkarten auf Augenhöhe beim Kaffee austauscht, werden bestehende Grenzen zwischen Kategorien und Disziplinen geschliffen, während Neue erschaffen werden.
Bestes Beispiel dafür: Die Prinzipien von Web 2.0 sind inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, vor allem das Phänomen, dass ein Dienst um so besser wird je mehr Nutzer ihn verwenden. Bisher erfordert der Dienst, dass die Nutzer sich dafür in der einen oder anderen Form betätigen, indem sie z.B. Bilder bei Flickr hochladen und betaggen bzw. ein virtuelles Sozialverhalten bei z.B. XING an den Tag legen. Auf der anderen Seite ist die Genetik schon seit Jahrzehten dran, den Code des Lebens zu dechiffrieren, was sich dank dem Einsatz von schnellen Rechnern deutlich beschleunigt hat. (Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich das Buch "A Life Decoded – My Life, My Genome" von Craig Venter (auch ein Gast auf dem diesjährigen DLD)).
Beide bisher losgelösten "Disziplinen" haben Anne Wojcicki und Linda Avey mit ihrer Firma 23andMe in ein innovatives B2C-Start-Up zusammengebracht, dessen "Personal Genome Service" seit gestern auch auf dem deutschen Markt erhältlich ist. Für US-$ 999 schickt man seine Speichelprobe an 23andMe, anschließend wird die DNA dechiffriert, die man sich über den Log-In mit seinem Usernamen und Passwort anschauen kann. Das haut die wenigsten noch vom Hocker, sehr wohl aber eine probabilistische Aussage ob man aufgrund seiner Gene ein höheres Risiko für eine Krankheit (z.B. Diabetes Typ 1) besitzt. Dafür vergleicht der Dienst die Gene der Registrierten mit dem Genpool und der bisherigen Erkenntnissen der klinischen Forschung zu Thema insgesamt. Zweiter Anwendungsfall: Wenn sich eine ganze Famile bei dem Dienst anmeldet, zeigt ein Stammbaum wer vom wem welche prozentualen Anteile des Gencodes geerbt hat. (Die AGBs weisen vorher ausdrücklich darauf hin, dass sich z.B. bei der Vaterschaft – sagen wir – "Überraschungen" ergeben können …)
Das alleine für sich ist bestenfalls spielerisch, schlechtenfalls frustrierend. Der eigentliche Nutzen geht dahin, dass man durch die Information seine Ernährung sehr spezifisch umstellen kann, um das Risiko für den Ausbruch der genannten Krankheit wiederum zu reduzieren. Ebenso lassen sich Cluster von bestimmten gleichen Genkombinationen registrierter Nutzer bilden, die im Verdacht stehen Migräne hervorzurufen und deren Patienten auf ein Migränemittel nicht ansprechen. Daraus soll mittelfristig der Weg zu personalisierten Medikation geebnet werden, einer Zielsetzung die übrigens auch als das Geschäftsmodell der Zukunft für die Pharmaindustrie angesehen wird. Eine letzte Feedback-Schleife hat 23andMe noch, die durch strukturierte Angaben der Nutzer über ihren Gesundheitszustand dabei hilft, die Zusammenhänge zwischen Genen und Krankheiten besser zu verstehen. Dass der bayerische Gesundheitsminister Otmar Bernhard diesen Service ablehnt ist nicht weiter schlimm, ich habe keinen Zweifel dass sich in 15 Jahren nach Anpassungen und berechtigten Diskussionen so eine persönliche Typisierung in ähnlicher Form durchgesetzt haben wird wie das Handy oder ein Facebook-Profil heute.
Zum Abschluss des DLD gestern war es auch nur noch eine Randnotiz, dass Naomi Campbell zum Afrika-Panel nicht erschienen ist, bei dem sie über die digitale Kluft in Afrika im Rahmen ihres "sozialen Engagements" sprechen wollte. Das Panel war auch ohne Campbell eines der Highlights der Veranstaltung. Das Supermodel engagierte sich stattdessen im 100 Meter entfernten Hotel Bayerischer Hof auf ihre Weise sozial: Auch nachdem das Panel längst begonnen hatte, lief sie schreiend in ihrem Hotelzimmer auf und ab ihre Haare seien noch nicht in Form und vertagte ihre Ankunft im 15-Minuten Takt, bis Verleger Hubert Burda von sich aus dankend auf ihr Erscheinen verzichtete. Nachdem Campbell außer schön und verhaltensgestört inmitten der enorm vielen smarten Menschen auf dem Event eh nichts zu bieten gehabt hätte, war ihre Abwesenheit nicht der geringste Verlust für diese mega-inspirierende Veranstaltung.
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Wenn ich 23andme denk läuft es mir kalt den Rücken runter.
Im SN´s hab ich ja noch die Herrschaft über meine Daten im Sinne von ich weiß was ich da selbst reinschreibe, aber meine Gene kenn ich bis dato nicht.
Allerdings hätte ich auch schon ein paar Anwendungen mit denen sich heute schon Geld verdienen ließe.
[...] Linux ihr Geld verdienen. Ähnliches könnte rund um unsere DNA passieren, wie erste Geschäftskonzepte à la 23AndMe [...]
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