Eine Nacht in Hollywood bei den Acedemy Awards, wo der große Abräumer in diesem Jahr “Slumdog Millionaire” hieß. Mit dem Oscar für den besten Film, beste Regie, beste Kamera, bestes adaptiertes Drehbuch, bester Schnitt, beste Toneffekte, bester Filmmusik, bester Filmsong (“Jai Ho”, hier anhören). Ich hatte das Vergnügen mir den Film vor zwei Wochen daheim in Bangalore anzuschauen und fand ihn absolut sensationell.
Schauplatz des Films ist der größte Slum von Asien, Dharavi, direkt um den Flughafen von Mumbai herum. Es ist ein unvergleichlicher Ausblick, wenn man bei einer Landung auf der Runway 27 in westlicher Richtung zum Fenster rausschaut und bis ca. 7 Sekunden vor dem Aufsetzen 15 Meter über die Dächer von Dharavi fliegt. Dabei sieht man so weit das Auge reicht auf ein Meer enger Gassen zwischen dauerhaft provisorischen Behausungen mit vor allem sehr vielen Menschen.
Es bringt einen in der Erkenntnis ein großes Stück weiter, wenn man nicht gleich in den Gutmenschenreflex “das ist alles ganz, ganz furchtbar” verfällt, sondern sich näher ansieht was in dem Gewusel wirklich steckt. Nämlich unter anderem eine spannende kleine Volkswirtschaft, wie der Economist vor drei Jahren schon berichtet hat. Dieser jüngste Artikel in der New York Times fordert gar, dass man von Dharavi nicht mehr als “Slum” spricht, sondern eher von einem den Umständen entsprechenden Speziallfall selbst gesteuerter urbaner Entwicklung.
Von den geschätzten 600.000 bis 1 Mio. Bewohner haben sich etwas 100.000 florierende Handwerksbetriebe aufgebaut, die untereinander Geschäft machen oder sogar in Ausland exportieren. Das “Bruttosozialprodukt” von Dharavi beträgt geschätzte 500 Mio. US-Dollar. Was die kleinen Läden genau machen, beschreibt der Economist so:
More than 800 homes are involved in pottery, moulding items such as traditional clay water jugs and flower pots on potters’ wheels for sale inside and outside Dharavi. Their kilns burn wood and other polluting garbage, including tyres. Metalworking includes casting items such as brass belt-buckles in small unventilated rooms. In another workshop, the buckles are electroplated with nickel because, say the workers, a nickel finish does not need polishing and is more popular.
Man muss kein Hellseher sein, dass nach dem Erfolg von Slumdog Millionaire ein Boom dem “Slum-Tourismus” bevor stehen wird. Jeder Besucher in Mumbai, der etwas auf sich hält, wird nicht ohne eine dieser Dharavi-Führungen abziehen. Ich habe keinen Zweifel, dass die kreativen Einwohner von Dharavi bald auch daraus eine einträgliche Branche aufgezogen haben werden.
Bis dahin kann ich nur empfehlen, sich den Streifen im Kino anzuschauen, Premiere ist in Deutschland am 19. März. Bis dahin schon mal als ein kleiner Vorgeschmack der Trailer zum Film.
Trackback URL für diesen Artikel:
[...] Beiträge auf anderen Weblogs: René Seifert zum “Slumtourismus”. [...]
[...] Slumdog Millionär Trailer könnt Ihr Euch in diesem Beitrag ansehen. Dieser Film war und ist ein grandioser Erfolg mit einer absolut spannenden und fesselnden [...]
Einen Kommentar schreiben