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Fachmedien und Web 2.0





15. January 2008 | Sascha Schmidt

Fachverlage stehen genauso wir ihre Kollegen von den Publikumsverlagen vor der Frage, wie kann ich Web 2.0 sinnvoll nutzen? Die Bandbreite der Antworten reicht von Hysterie („Wir müssen sofort was machen bei Second Life …“) bis hin zu stoischen Negieren („Meine Experten bloggen nicht, das ist was für Selbstdarsteller …“). Dazwischen liegen Antworten, die ein Bauchgefühl umschreiben, man müsse was tun verbunden mit der Frage was, wann und wie …?

Im Rahmen eines Vortrages für Fachverleger hatte ich mich Ende 2007 auf die Suche nach Best-Practise-Beispielen der Fachinfos gemacht. Das war ein schwieriges Unterfangen. Im Bereich der Wissenschaftsmedien gibt es einige vielversprechende Ansätze, aber im Großen und Ganzen tat ich mich schwer, „Gewinner“ dieser Entwicklung zu präsentieren.
Warum war das so? Eigentlich bieten Fachverleger mit ihren Inhalten und bestehenden „Communities“ rund um das Fachthema eine gute Basis für kommunikative Angebote im Web. Hier zeigt sich schon eine erste Barriere: Fachverleger mit ihren Fachinformationen sind gewohnt zu „informieren“. Sie besaßen oft — und glauben immer noch zu besitzen – den exklusiven Zugang zu Informationen, Kommentaren und der Zielgruppe. Und nun soll man plötzlich kommunizieren und teilen? Die Innovation beschränkt sich dann häufig auf eine Umfirmierung von „Fachverlag“ zu „Fachmedien“  …

Welche Rahmenbedingungen und Chancen setzt Web 2.0 für Fachverlage? Tim O´Reilly hat in seiner Studie „Web 2.0 Principles and Best Practices“ die wesentlichen Markttreiber für Web 2.0 beschrieben:

  1. Die Kundenbasis ist global.
  2. Der Kunde ist immer online – egal ob zu Hause, im Büro oder unterwegs.
  3. Der Kunde nimmt aktiv teil.
  4. Die Herstellungskosten sind dramatisch gesunken und weiter im Sinken.
  5. Umsatzquellen (Anzeigenerlöse) stehen jedem zur Verfügung.

Wenn einige dieser Rahmenbedingungen schon heute Einfluss auf das operative Geschäft eines Fachverlegers nehmen, dann macht es Sinn, sich mit den Erfolgsfaktoren für entsprechende Angebote auseinanderzusetzen. Wenn – was ich oft höre – diese Rahmenbedingungen „angeblich“ keine Rolle spielen, dann sollten zumindest strategische Optionen durchdacht werden. Oft ist es heilsam, dem Verleger seine Zielgruppe von Morgen auf StudiVZ zu zeigen – das hilft enorm …

Erfolgsfaktoren für Web 2.0-Projekte sind nach Tim O´Reilly:

  1. Netzwerk-Effekte werden ermöglicht – Nutzer „helfen“ Nutzern via fachbezogene Linksammlungen etc.
  2. Inhalte sind das neue „Intel inside“ bei Web-Angeboten – originäre, exklusive und einzigartige Daten sind das „A und O“ der Zukunft. (Kommentar: Man müsste meinen ein „homerun“ für Fachverlage, aber wie lange noch?)
  3. Intelligente Mash-Ups kreieren aus Bestehendem Neues.
  4. Distribution der Angebote über alle Kanäle (Kommentar: Immer noch glauben die Fachverleger, der Nutzer käme auf seine Website und wird dann sich „brav“ durchnavigieren. Man hat oft das Gefühl, RSS und Windows Vista seien noch Fremdworte)
  5. Spätestens seit dem iPhone ist jedem klar, das Internet – und damit auch die Fachinfo – verlässt den PC und findet mobil und sonstwo statt. (Frage: Wer kennt hier ein Angebot aus der Fachwelt, dass hier konsequent die Entwicklung bedient?)
  6. „Perpetual beta“ oder „try and error“ oder „Probieren geht über Studieren“ (Kommentar: Ein Innovationszyklus von fünf Jahren wie bei Relaunches der Fachzeitschriften reicht nicht aus).
  7. Fachinformationen sind der optimale „long tail“ – wird das Internet zur Gewinnung neuer Zielgruppen konsequent genutzt?
  8. Günstige und schnelle Technik  (Kommentar: Die Technik Kosten eines Blogs von Peter Turi sind deutlich niedriger als vergleichbare Angebote des etablierten Wettbewerbes aus München, Heidelberg und Frankfurt.)

Der Weisheit letzter Schluss? – Wenn ich als Fachverlag die Entwicklungen Revue passieren lasse und mir die Mediennutzung von heute in Statistiken und  von morgen im Zimmer meiner Kinder anschaue, dann gibt es für mich genügend Gründe zu warten (spätestens bis aus den Studenten von heute angestellte Experten etc. geworden sind) und im Bestehenden zu „verharren“.  

Wenn ich mich dann aber frage, warum ich keine Studentenabos mehr verkaufe, warum nutzt der Verband xy das Internet als eigene Plattform und nicht mehr meine Medien, warum bloggt da ein Ingenieur mit seinem Fachwissen, warum bekomme ich dauernd Einladungen zu Xing, warum ändert sich da die Welt, warum … spätestens jetzt ist es Zeit, sich dem Thema offen zu nähern – ohne Vorurteile. Nicht alles, was Web 2.0 ist oder sich nennt macht Sinn für einen Fachverlag. Aber ein ehrlicher Relevanzcheck der Entwicklungen und Blick über den Tellerrand der eigenen Printwelt ist angeraten.


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3 Kommentare »
15. January 2008 - 02:24, abgelegt in Kategorie: Best Practices, Communication, Communities, Content, Social Networks, Uncategorized

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3 Reaktionen zu “Fachmedien und Web 2.0”
  1. Markus Caspari Am 28. January 2008 um 23:09 Uhr

    Interessanter Beitag, der vielleicht zum Umdenken beiträgt.

  2. Fachmedien und Web 2.0 « BusinessMediaBlog.com Am 28. January 2008 um 23:16 Uhr

    [...] Fachmedien und Web 2.0 Sascha Schmidt schreibt im eLAB-Blog über die Auswirkungen von Web 2.0 für Fachmedien und zitiert Erfolgsfaktoren aus der Studie Web 2.0 Principles and Best Practices von O´Reilly und vergleicht Sie u.a. mit dem Status-quo bei B2B-Medien. Bei Fachverlegern ist daher ein Umdenken angesagt – sie glauben häufig noch den exklusiven Zugang zu Informationen zu “besitzen”. Sascha Schmidt kritisiert, dass sich die Innovationen häufig auf die Umfimierung von “Fachverlag” zu “Fachmedien” beschränken. [...]

  3. KoopTech » Interview » Der Branchen-Newsletter als “eine Art Suchtstoff” - Interview mit Peter Turi Am 21. April 2008 um 13:08 Uhr

    [...] redaktionelles Angebot von Peter Turi für Medienschaffende, das unglaublichen Erfolg hat. Einige Verlage wie Holtzbrinck beobachten die Entwicklung sehr aufmerksam, zeigt sie doch, dass sich ein attraktives, rentables [...]

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