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Farmville zieht alle Register von Social Gaming





11. December 2009 | René Seifert

So, mich hat’s auch erwischt. Und ich war immer das größte Lästermaul, was die debilen Feeds bei Facebook angeht à la “XYZ just dug up some delicious truffles with the help of their pig in FarmVille” verbunden mit meine Reaktion “ich nie”. Nun ja, “sag niemals nie”, lautet einmal mehr das Gebot der Stunde. Wie ein Strudel, dem man sich nicht entziehen kann, fixt das Spiel einen an und lässt auch so schnell nicht mehr los. In Zahlen: Farmville ist mit 70 Mio. aktiven Spielern die mit Abstand erfolgreichste Facebook-App, doppelt so viele Installationen wie die Nummer 2 (“Causes”) und vermutlich sogar Twitter zahlenmäßig überlegen. Bei 350 Mio. Facebook-Mitgliedern ist das also jeder Fünfte ein Bauer.

Hinter dem Spiel steht die Firma Zynga aus San Francisco, die in 4 Runden US-$ 54 Mio. an Finanzierung eingesammelt hat, um damit eine Reihe von browserbasierten Social Games zu entwickeln. Der Clou: Anstatt sich dem Problem auszusetzen, mit viel Marketing-Aufwand Kunden zu gewinnen, propfen sich Zyngas Spiele voll und ganz auf bestehende Social Networks wie MySpace oder eben Facebook auf. Eine ganze Reihe von Social Games wie Mafia Wars, FishVille sind dabei schon entstanden, das mit Abstand erfolgreichste Flaggschiff heißt FarmVille.

Farmville René Seifert

Ich kann nur jedem aus der Online-Branche empfehlen sich aus rein professionellen Gründen mal in den Strudel reinziehen zu lassen, weil was die Macher von FarmVille in der Spielemechanik an Tricks aus dem Hut zaubern, nötigt einem unbedingten Respekt ab:

  • Die Einstiegshürde ist ein Klick, um die App auf Facebook bei sich zuzulassen, dann ist man dabei, steht auf einem Acker mit 6 Parzellen, dessen Gemüse darauf wartet abgeerntet zu werden. Mit den Einnahmen pflügt man das Feld frisch um und sät neu an. Erstes Erfolgserlebnis.

  • Das Prinzip ist super-einfach und erschließt sich auf Anhieb: Säen, warten, ernten. Kapital akkumulieren, wachsen und wieder säen. Finde das Ding aus pädagogischen Gründen übrigens auch für Kinder durchaus geeignet, um ihnen ein paar Grundlagen des Wirtschaftens spielerisch zu vermitteln.

  • Weil man seine Ernte nicht vergammeln lassen will, kommt man halt doch immer wieder zurück. Wenn man irgendwann auch Tiere auf seiner Farm stehen hat, dann wollen auch die Kühe gemolken werden. Stichwort: Wiederkehrrate.

  • Damit man mit zunehmender Spielaktivität den linearen Effekt “mehr vom Gleichen” vermeidet, arbeitet man sich in mehreren Stufen nach oben, was einem Saatgut für neues Gemüse oder die Möglichkeit zum zusätzlichen Landerwerb eröffnet. Zwischendrin gibt’s auch positive Überraschungen, wie irgenwelche Auszeichnungen oder sponate Goldnuggets, die einem als kleine Belohnungen das Leben versüßen.

  • Man spielt FarmVille nicht kompetitiv gegen andere, sondern geradezu mit anderen. Erst in diesem sozialen Kontext macht das Spiel richtig Spaß, wenn man sich mit Gratis-Geschenken beschert oder sich gegenseitig den Acker düngt, wovon man selbst sowie der “Nachbar” im Spielverlauf profitiert. Irgendwie hat das Spiel auch was von sozialer Gleichheit: So düngt mir der CEO der indischen Niederlassung eines großen deutschen Automobilkonzerns regelmäßig den Acker und ist ansonsten auch ganz vorne dabei, täglich sein Feld in Schuss zu halten :-)

  • Dieser Effekt in Kombination mit zahlreichen Anlässe seine kleinen Errungenschaften und Hilferufe in die Community zu verbreiten, machen FarmVille in der Ausbreitung viraler als die Schweinegrippe. Kundengewinnungskosten für das Unternehmen quasi Null.

  • Geld verdient Zynga auf ganz räudig geschickte Art und Weise: Man kann das Spiel ewig und auf alle Zeiten umsonst spielen. Allerdings haben die Spielentwickler äußerst geschickt an verschiedenen Stellen kleine, unaufdringliche Schmerzpunkte eingebaut, zum Beispiel: Wird der Acker mal groß, dann ist es mühsam das Feld mit der Hand zu bestellen. Mit den akkumulierten Münzen aus dem Erntezyklus kann man sich zwar einen Traktor kaufen, aber um auf Dauer dessen Sprit zu bezahlen, bedarf es der äußerst knappen Parallelwährung “FV-Dollars”. Diese kann man ganz einfach unter Einsatz der Kreditkarte mit echtem Geld aufladen.

Ich geb’s zu: Ich hab’ meine Kreditkarte auch schon zwei mal mit insgesamt 26 “echten” Dollar gebügelt, um da schneller voran zu kommen. Hey, aber wenn man zu zweit für einen 90-Minuten Film ins Kino geht, hat man den Betrag auch schnell für mehr oder minder planloses Entertainment durchgebrannt. Virtuelle Güter, wir kommen!

Wie es im richtigen Leben so spielt, wachsen die Bedürfnisse nach Erfüllung der Subsistenzsicherung auf der Maslow’schen Bedürfnispyramide mehr und mehr in Richtung künstlerischer Selbstverwirklichung. Heißt bei FarmVille: Ist man nach der ersten Kapitalaufhäufung finanziell aus dem Gröbsten raus, dann kann man sich seine Farm mit Häusen, Schuppen, Bäumen, Schubkarren, Windmühlen und jetzt zur Weihnachtszeit mit saisonalem Firlefanz wie Schneekugeln ganz persönlich einrichten. Auch da gibt es einige Artikel, die man nur gegen die begehrten “FV-Dollar” nach dem Umtausch richtiger Kohle kaufen kann.

Farmville Weihnachts-Deko

Wenn ich mir die Farmen meiner “Nachbarn” (=Freunde), die ich besser kenne, näher anschaue, dann ist die Gestaltung ein nahezu perfekter Spiegel ihres Charakters. In einer kurzen Selbsteinschätzung zu mir und einem Screenshot meiner Farm oben: Sehr effizient, minimalistisch organisiert, auf Skalierung ausgerichtet. Ansonsten ein ästhetisch-gestalterischer Totalaufall.

Kuckt man sich hingegen diese Farm von meiner Nachbarin Philippa (“Mutti”) an, die das Verbrechen begangen hat, mich viral mit FarmVille zu infizieren, dann sieht man spielerische Kreativität, wo liebevolle Hege und Pflege von Flora und Fauna ein individuelles kleines landwirtschaftliches Paradies erschaffen haben.

Muttis Farm

Ja schee, gell. Wenn “Mutti” nicht die Gattin von einem meiner besten Kumpels wäre, dann wäre sie für mich im Rahmen von “Bauer sucht Frau” die ideale komplementäre Ergänzung … :-)


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12 Kommentare »
11. December 2009 - 07:58, abgelegt in Kategorie: Analyse, Commerce, Communication, Facebook, Innovation, Makro-Trends, Rich Media, Social Media, Social Networks

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12 Reaktionen zu “Farmville zieht alle Register von Social Gaming”
  1. Atmen Sie tief durch ® » Blog Archiv » Wie der Bauer so sein… Am 11. December 2009 um 13:45 Uhr

    [...] Gummistiefeln oder Bemühungen, in TV-Sendungen eine Frau zu finden. Echte Bauern spielen das Facebook-Spiel “Farmville”. Weitsichtige Chefs verbieten daher ihren Mitarbeitern nicht etwa das dienstliche Düngen und [...]

  2. Seifert Raus Am 11. December 2009 um 14:51 Uhr

    Und wieder wird dem Leser hier das neurotische, selbstzentrierte Ego des Autors aufgezwängt, der vorgibt einmal das journalistische Arbeiten gelernt zu haben. Es interessiert den Leser nicht, weiviel Herr Seifert bei Farmville ausgegebn hat, wie SEINE Farm aussieht und wie ER das “findet”. Normalerweise lernt man das schon in der Schule und die Mädels, die immmer mit “ich finde…”, oder “ich denke..” ihre Sätze begonnen haben, sind mittlerweile doch auch erwachsen geworden. Puh und eklige Selbsteinschätzungen auf dem eLAB Blog zu posten, meine Güte, wohin ist das hier gekommen.

    Und ganz nebenbei: Spätestens jetzt müßte jeder Arbeit- und Auftragsgeber von Herr Seifert hellhörig werden. Denn eines vergißt er (bewußt) zu erwähnen: Wieviel ZEIT ER mit seiner Farm verbracht hat (“Sehr effizient, minimalistisch organisiert, auf Skalierung ausgerichtet”), im Büro, während der Arbeit…

  3. Linkdump for 12. Dezember 2009 | synapsenschnappsen Am 12. December 2009 um 18:17 Uhr

    [...] Farmville zieht alle Register von Social Gaming » eLAB-Blog – (Tags: SocialGaming Facebook ) Posted in from delicious | Tags: Facebook, SocialGaming, Tutorial, YahooPipes « Linkdump for 11. Dezember 2009 You can leave a response, or trackback from your own site. [...]

  4. Medial Digital» Linktipps Neu » Linktipps zum Wochenstart (38) Am 13. December 2009 um 14:51 Uhr

    [...] Farmville zieht alle Register von Social Gaming [...]

  5. René Seifert Am 13. December 2009 um 15:02 Uhr

    @Kommentar #2: Ah, mein co-abhängiger Stalker ist auferstanden aus Ruinen.

    Du, Spezi, sag a mal: Können wir für ‘ne Woche tauschen? Ich wüsste zu gerne wie sich ein Leben anfühlt, wo man den ganzen Tag mit dem Fernglas heimlich hinter der Gardine steht und Falschparker anzeigt. Oder wie so der monatliche Höhepunkt kommt, wenn man der Redaktion vom Playboy zwei Tage nach Erscheinen der Ausgabe fein-säuberlich alle Rechtschreibfehler auflistet – in einem anonymen Brief versteht sich.

    Aber da hätte ich noch eine Literaturliste für unter Deinen Weihnachtsbaum: http://www.holtzbrinck-elab.de/blog/wie-anal-ist-das-sachbuch-bei-amazonde/ Das ist doch sicher genau nach Deinem Geschmack. Frohes Fest ansonsten, René :-)

  6. Medienlinks zum Wochenstart: Die bedrohte Elite — CARTA Am 13. December 2009 um 15:19 Uhr

    [...] Farmville zieht alle Register von Social Gaming [...]

  7. librarymistress Am 13. December 2009 um 15:48 Uhr

    das Suchtpotential von FarmVille wird sehr gut beschrieben, danke schön. Ich wäre ja froh, wenn ich mich nicht von einer Kollegin dazu überreden hätte lassen (“da schaust Du halt alle paar Tage mal vorbei”, jaja), aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es mich irgendwann einmal langweilt, meine Kühe zu melken, Hühnereier und Entendaunen einzusammeln, meine Rentiere zu striegeln und die Obstbäme zu ernten.

  8. Thomas Television Am 14. December 2009 um 22:17 Uhr

    Danke für den Einblick in Farmville. Ich hatte das Spiel bislang noch nicht gespielt, und nach dem was hier steht, werde ich es auch in Zukunft nicht tun. Neu ist an diesem Spiel scheinbar nur das Element der Einbindung in soziale Netzwerke, auf das hier in diesem Blogeintrag nur unter vielen anderen eingegangen wird.

    Die meisten Punkte die diesem Absatz folgen…

    “Ich kann nur jedem aus der Online-Branche empfehlen sich aus rein professionellen Gründen mal in den Strudel reinziehen zu lassen, weil was die Macher von FarmVille in der Spielemechanik an Tricks aus dem Hut zaubern, nötigt einem unbedingten Respekt ab:”

    … beschreiben im wesentlichen auch seit vielen Jahren kommerziell mehr oder weniger erfolgreiche MMORPGs und besonders natürlich die ebenso erfolgreichen Browserspiele, sowie ihr Suchtpotenzial.

    Neu ist die Einbindung in einen schon vorhandenen “sozialen Lebensraum”, nämlich in dem Fall das Social Network Facebook, der die Einstiegshürde in das Spiel sehr niedrig hält. Das nämlich scheint neben all den Motivations-, Belohnungs- und Suchtmechanismen der Hauptgrund für den Erfolg zu sein: Farmville findet dort statt, wo alle schon sind.

    Darüber hinaus möchte ich noch anmerken, dass lediglich das Unternehmen Zynga, also der Spielherrsteller vom Verkauf virtueller Güter zu profitieren scheint. Das ist natürlich total blöd, wenn das so ist. Viel spannender wäre natürlich wenn im Internet eine Paralellwelt enstehen würde, in der man (also jeder, der sagen wir “fleißig” gennug ist) mit der Produktion virtueller Güter reales Geld verdienen kann. Und sich um diesen Wirtschaftsprozess dann auch soziale Strukturen, Welten und Narrationen bilden. All das hat Zynga nicht im Sinn und ist daher natürlich ziemlich langweilig. Also für mich jetzt.

  9. René Seifert Am 15. December 2009 um 04:13 Uhr

    @Thomas: Vielen Dank für den wertvollen Hinweis, in der Tat ist FarmVille so gestrickt, dass der Transfer von “echtem Geld” in die Farmville-Währung einen Einbahnstraße ist. Das macht auch insofern Sinn als dass Farmville selbst alles andere als einen in sich schlüssigen Wirtschaftskreislauf darstellt. Erntet man beispielsweise sein Feld ab, dann bekommt man dafür aus einer imaginären nie versiegenden Quelle seine Kohle aufs Konto gutgeschrieben anstatt dass der gleiche Betrag von einem anderen Farmer in einem Marktszenario abgezogen wird. Es findet also kein klassischer Tausch auf der Plattform unter den Teilnehmern statt. Das steht freilich in einem diametralen Gegensatz zu einem Ansatz wie ihn z.B. Second Life fährt, den man durchaus als eine kleine Volkswirtschaft bezeichnen kann, siehe auch http://www.holtzbrinck-elab.de/blog/second-life-als-volkswirtschaft-fragen-uber-fragen/

    Ob einem FarmVille deswegen besser oder schlechter gefällt, ist sicher eine individuelle Gechmacksfrage. Mein Eindruck ist jedoch, dass diese bewusste Entscheidung von Zynga für den vorliegenden Ansatz für den flächendeckenden Erfolg verantwortlich ist. Ohne den Tauschcharakter entfällt jegliches kompetitive Element unter den Teilnehmern, was Farmville zu einer Mischung aus einem Schlaraffenland und kommunistischer Utopia macht :-)

  10. Thomas Television Am 15. December 2009 um 20:13 Uhr

    “Das steht freilich in einem diametralen Gegensatz zu einem Ansatz wie ihn z.B. Second Life fährt, den man durchaus als eine kleine Volkswirtschaft bezeichnen kann”

    Ja genau. Nur das Second Life kein vergleichbarer Erfolg beschieden war. Der Wirtschaftskreislauf von Second Life scheint ja auch in der Realität zumindest hierzulande vor allem darin bestanden zu haben, dass sich vermeintliche Marketingexperten versucht haben, gegenseitig ihre Produkte zu verkaufen, während Journalisten und Wissenschaftler sie dabei beobachtet haben. ;)

  11. Jan Am 11. January 2010 um 20:47 Uhr

    Und für alle die ihr jetzt angefixt habt, gibts natürlich auch ein paar Tipps wie man schnell ein erfolgreicher Bauer werden kann: http://www.liveshopping-aktuell.de/footnavi/farmville-tipps-tricks-cheats

    Happy Farming :)

  12. Clemens Plainer Am 25. January 2010 um 19:18 Uhr

    Hallo René!

    Ich weiß genau was du meinst. Dieses Spiel kann einen echt süchtig machen. Mich hat es sogar so weit getrieben, dass ich ein eigenes Buch zum Thema Farmville geschrieben habe. Nun ja, es ist mehr ein Ratgeber als ein Buch. Ich wünsche Euch allen noch schöne Farmer-Tage =)

    Lg Clemens

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