Spiegel Online berichtet heute, der jünste Gründerboom in Deutschland sei am abebben. Im Jahr 2006 sei die Zahl der Neugründungen gegenüber dem Vorjahr um 3 Prozent zurückgegangen. Schade einerseits, kein Wunder andererseits. Wenn man nur in seinem Web 2.0 Süppchen vor sich hingart – und da möchte ich eLAB gar nicht ausnehmen – dann mag man die Nachricht kaum glauben. Schießen doch jeder Woche alleine in Deutschland neue Dienste wie die Pilze aus dem Boden.
Aber die große weite Welt besteht eben nicht nur aus Internet und Medien. Gelegentlich braucht der Mensch halt auch etwas zum Essen und was der Kosmos volkswirtschaftlicher Wertschöpfung sonst noch so im aggregierten Angebot bereit hält. Und bei dessen Erzeugung ist Deutschland ein Jahr nach der unvergesslichen Fußball-WM in Punkto Gründerfreundlichkeit selbst meilenweit von einem würdigen dritten Platz entfernt.
Witzigerweise ist es gerade der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der einen Abbau von bürokratischen Hürden verlangt. Gegen die Forderung ist nichts einzuwenden, die Frage muss aber erlaubt sein, ob so ein Konstrukt wie der DIHK Teil der Lösung oder nicht Teil des Problems ist. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich vor ca. 10 Jahren vorsorglich mein erstes Gewerbe beim Kreisverwaltungsreferat München angemeldet hatte und es keine drei Wochen dauerte, bis mir ein jovialer Brief der Industrie- und Handelskammer München die Zwangsmitgliedschaft inklusive einer freundlichen Kostennote beschied. Vielen Dank, zu viel des Guten.
Wir brauchen definitiv weniger von diesen institutionellen Apparaten, die eine ganze Reihe von systemimmanenten Defekten aufweisen: Zwang, Funktionärsgehabe und in einer Mischung aus der Weber’schen Bürokratietheorie und Friedrich August von Hayeks Erkenntnissen einen Hang zur Ineffizienz. Vor allen Dingen neigen solche Konstrukte auch im allgemeinen Bewusstsein dazu, wenigstens einen Teil der Verantwortung in ein unheilvolles Gemisch halbvaterstaatlicher Fürsorgementalität abzuladen. Vielleicht bin ich hohler als der Rest, vielleicht wird man in Deutschland aber auch leicht verbildet: Es hat mich nach einem BWL-Studium in Augsburg ein ganzes Stück mentaler Konditionierung gekostet, unternehmerisches Handeln auf einen freiwilligen Austausch zwischen freien Marktteilnehmern zurückzuführen. Da ist zunächst mal keine Rede von Staat und auch nicht von Verbänden.
Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland reichlich schlecht ab, wenn man den Aufwand und die Hürden bei Unternehmens-Neugründungen betrachtet. Alles bekannt, und in diese ‘zig-fach durchgehaune Kerbe muss man sich keine weiteren Gratismut-Punkte holen. Worauf ich aber hinaus will: Nicht nur als multinational aufgestellter Weltkonzern hat man heute die Standortwahl. In einem "Flat World"-Szenario verfügt auch der einzelne "kleine" Neugründer bei der Entscheidung seines Unternehmenssitzes über deutlich mehr Freiheitsgrade als früher.
Einige bevorzugen als Rechtsform die englische Limited, andere zieht es in die Schweiz. Neben günstigeren Steuersätzen berichten sämtliche Unternehmer unisono, wie man dort von den Behörden als Kunde behandelt wird, mit dem man versucht beiderseitig zufrieden stellende Lösungen zu erarbeiten. Nicht gerade das, was einem spontan im Umgang mit der deutschen Bürokratie in den Sinn kommt.
Schließlich ist im Prinzip nichts gegen staatliche Fördermaßnahmen für Unternehmertum einzuwenden, allerdings bergen diese das gleiche oben genannte Risiko einer Quasi-Alimentierung unter falschen Vorzeichen. Und die Frage ganz nebenbei, ob meist Beamte von ihrem Profil her die Richtigen sind, unternehmerische "Skills" zu vermitteln. Vor allem forciert man so wieder das alte Leiden: ein noch mehr an Staat.
Wenn man Unternehmertum als echte Alternative, ja sogar als reizvolle freiheitliche Lebensgestaltung vermitteln möchte, so sollte man Schüler spätestens nach der Grundschule im Rahmen des Lehrplans in systematischen Kontakt mit Unternehmern bringen. Diese Form des Austausches könnte in einer entscheidenden Lebensphase einen Wandel im Denken und später auch im Handeln bewirken wie wir es in Deutschland gut gebrauchen können.
Alles in allen brauchen wir im Sinne des Konstruktivisten Paul Watzlawick für die Rolle des Staates und seines halbstaatlichen Eco-Systems nicht "mehr von dem Gleichen", sondern eindeutig weniger davon.
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Hoffnung kann dann die hoffentlich Anfang 2008 eingeführte Mini-GmbH bringen. Zumindest was den Gründungsaufwand angeht…
sehr interessanter Artikel
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