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Hammer: Offizielle EM-Seite der UEFA spitzt ins TV-Geschäft





23. June 2008 | René Seifert

Olé, olé, olé. Wer hätte das letzte Woche noch gedacht, dass wir uns nach dem Vorrundengekurke so wacker ins Halbfinale schlagen würden und mit etwas Glück und Verstand übermorgen Abend vielleicht sogar miteinander anheben können zum "Finale – oho – Finale – ohohoho!" :-)

UEFA mit State-of-the-Art Webseite

Nach wie vor ist freilich das Fernsehen das Leitmedium, wenn es darum geht sich "mittendrin-statt-nur-dabei" heiser zu schreien. Wobei der Spannungsbogen noch mal ungleich in die Länge gezogen wird, wo abermals die Glotze mit Vorberichterstattung bzw. Interviews nach dem Spiel die Dramaturgie in der Hand behält. Ansonsten sind auch die üblichen Verdächtigen bei den Internetseiten von Spiegel.de bis Kicker.de dieser Tage voll von unserem Lieblingsthema. Aber, und das kommt mir wenigstens bei einem Turnier dieser Größenordnung zum ersten mal so vor, bietet die offizielle Webseite Euro 2008 erstmals etwas wirklich Bahn brechendes. Zum einen in Ihrer Gestaltung, aber auch über die Vorwärtsintergration in die bisher den Fernsehsender vorbehalte Bildrechtevermarktung.

euro2008_home

Hohe Komplexität, hoher Pflegeaufwand

Was einem auf den ersten Blick auffällt, ist das die Seite in der Struktur und Umsetzung wirklich alle Register gezogen hat, die eine inhaltelastige Webseite im Jahr 2008 nur aufbieten kann. Im Einzelnen:

  • 10 parallele Sprachversionen, darunter auch Chinesich, Koreanisch und Japanisch. Klar, die Ware eines europäischen Fußballturniers ist bis nach Fernost heiß, wo für Rechtehändler neuerdings lukrative Märkte liegen, wie ich neulich von einer Brancheninsiderin erfahren habe.
  • Intelligente Informationsarchitektur in der Seitengestaltung und Inhaltestruktur, wo alles vom Tunierverlauf, dem Spielplan, Mannschaften, Spielern, Statistiken, aber auch den Gastgebern und ihren Austragungsorten sowie der Geschichte der bisherigen Europameisterschaften zusammengetragen worden ist.
  • In einem Personalisierungsbereich kann man sich registrieren und dann "Meine Seite" zusammenstellen.
  • Prominente Einbindung der Sponsoren, die man sonst auch auf den Spielfeldbanden sieht, im Rahmen des Mediamix online. 
  • Modernes zeitgemäßes Design, welches mit weißer Fläche arbeitet und Text- und Teaserboxen sauber mit den großflächigen Bildern ausbalanciert, um einen ansprechenden Erlebniswert zu erzeugen.
  • Einsatz von Flash bringt noch ein zusätzliches Maß an Interaktivität ins Spiel, wie man z.B. bei der Auswahl der Mannschaft auf der Europakarte sieht.
  • euro2008_mannschaften

So weit schon alles recht beachtlich, weil die Seite ein Höchstmaß an Komplexität in der Struktur umsetzt hat und gleichzeitig einen Riesenaufwand treibt, um in der inhaltlichen Ausrichtung sowohl aktuell als auch "magazinig" zu wirken.

Pay TV-Kanal inklusive
Der absolute Hammer kommt jedoch unter der Rubrik Video, wo man die Rechte-Entwicklung in der Bundesliga für die letzen beiden Jahren bei der UEFA für die EM 2008 zu Ende gedacht und geführt hat: Man hat einfach seinen eigenen Pay-per-View Kanal im Internet gegründet.

euro2008_live-video

Zwei Möglichkeiten: Für ein Live-Streaming zahlt der Nutzer US-$ 5,99, fürs Nachkucken eines Spiels € 1,99. Mit noch schnelleren Bandbreiten wird sich das Internet bzw. das IP-Protokoll unvermeidbar in den nächsten Jahren zum mindestens ebenbürtigen Distributionskanal für Bewegtbild-Inhalte entwickeln. Einer Branche, die bisher über etliche Wertschöpfungsstufen Sportrechte für z.B. eine Fußballeuropameisterschaft vermarket hat, kann dann das gleiche blühen wir der Musikindustrie.

Das was im Englischen so schön „Disintermediation“ heißt, bedeutet dass der Rechteinhaber das direkte Geschäft mit den Verbrauchern/Nutzern/Zuschauern sucht. Klar ist auch, dass das nicht von einem Tag auf den anderen Tag passiert und es sicher Platz für eine Vielzahl von Modellen wie z.B. Werbefinanzierung nebeneinander gibt. Aber Holzauge sei wachsam, wenn die o.g. Registrierungsfunktion für beiläufige Personalisierungsfunktionen nicht mal der Anfang davon ist, dass die UEFA daraus eine direkte Kundenbeziehung für ein transaktionsbasiertes Geschäft aufbauen will.

Hoher strategischer Stellenwert

Auch wenn mir so ein Apparatschik-Verein wie die UEFA zutiefst suspekt bis geraderaus unsympathisch ist, so verdient die mediale Umsetzung der EM auf diese Art und Weise professionellen Respekt. Der unbestrittene Hinweis, dass die UEFA auf einem Sack voll Geld sitzt, um sich so einen Auftritt leisten zu können, reicht aus meiner Sicht nicht aus, um zu erklären, dass ein eher behäbiger Funktionärsapparat plötzlich im Begriff ist agil eine Branche mit hohem Saturationsgrad umzukrempeln. Voraussetzung dafür ist diese Initiatiative von "ganz oben" zur höchsten strategischen Priorität zu erklären, was im nächsten Schritt den Weg frei räumt, sich für die operative Umsetzung die besten Spezialisten zu holen und sie dann einfach machen zu lassen. Ob man das nun gut oder schlecht findet, sei für heute dahingestellt. Man muss aber anerkennen, dass das Vorhaben gelungen ist und sicher nicht der letzte Streich der UEFA gewesen ist.


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3 Kommentare »
23. June 2008 - 12:23, abgelegt in Kategorie: Analyse, Commerce, Communities, Content, Events, Innovation, Makro-Trends, Marketing

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3 Reaktionen zu “Hammer: Offizielle EM-Seite der UEFA spitzt ins TV-Geschäft”
  1. Roland Moriz Am 25. June 2008 um 16:04 Uhr

    (Disclaimer: Ich war bei der WM 2006 als Freiberufler in der Webentwicklung stark involviert.)

    Ich finde die Uefa 2008 Seite eine Enttäuschung. Es wurde zuviel Flash verwendet, was auf den ersten Blick gut aussieht aber grundlegende Usabilityansprüche nicht erfüllt. Auch bei traditionellen Dingen wurde geschlampt, nicht einmal die Sprachwahl ist persistent.

    Das hatten wir alles 2006 auch schon in 9 Sprachen und performant übere mehrere Datacenter verteilt und nicht singlehomed.

    Die Euro08 Mobile Version verdient den Namen nicht, ist in Indien gehostet und grottenlangsam. Nahezu alle Services wurden von verschiedenen Dienstleistern zusammengekauft (Streaming/Content, Hosting, Mobile, Screensaver, Widgets),

    User generated Content Integration wie 2006 die Flickr und Yahoo! 360 Fan-Blog Integration sind nicht vorhanden.

    Ein paar technische Specs die ich von “aussen” erkennen konnte habe ich dem geneigten Leser unter http://binarymentalist.com/post/37545521/euro-2008-website-by-uefa hinterlassen.

  2. Kommentator Am 28. June 2008 um 21:19 Uhr

    Leider ist das Nicht-Beachten der überaus simplen XHTML und CSS Standards bei den großen Agenturen oft immer noch “State of the Art”. So auch in diesem Fall, wie ein kurzer Testlauf mit dem Validator zeigt.

    HTML – Result: Failed validation, 102 Errors
    CSS – Fehler (16), Warnungen (801)

    Auch wenn die UEFA es schafft, sehr viele Features und Informationen effizient auf der Seite unterzubringen, das Fundament haben sie auf Sand gebaut.

  3. Monet Am 27. July 2008 um 21:35 Uhr

    Für mich war die UEFA-Website einfach zu viel geblinke und Flash! Konnte oder wollte man es einfach nicht sinnvóller gestalten oder war die Absicht dahinter, es alles zu zeigen, was man kann?

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