Als sich das ganze Drama der Finanzkrise von ein paar Wochen abzuzeichnen begann, wurde ein Experte im amerikanischen Fersehen gefragt, wie man am besten duch die harte Zeit kommt. Seine Antwort: "Cash and Fetal". "Cash", verstanden. Aber "Fetal"?? Bis ich verstand: Das Adjektiv von Fötus, also zusammengekauert und geborgen in Mutters Schoß. Aha.
So schön die Metapher klingt, aber nicht nur für uns Unternehmer stellt sich die Anschlussfrage: "Wo finde ich diesen denn? Den Schoß." Eben. Den gibt’s in der Form nicht, daher bleibt einem wie sonst auch in guten Zeiten in den schlechten Zeiten keine andere Option als das Heft des Handelns in die eigene Hand zu nehmen. Vor ein paar Tagen saßen Michael Munz und Markus Schunk von eLAB und ich beisammen und haben die aktuelle Lage noch mal in ihrer kurzen Historie Revue passieren lassen. Der erste Reflex von vielen – insbesondere unseren deutschen Politikern – als in den USA die Wellen der Immobilienkrise über den amerikanischen Großbanken zusammenschlugen, lautete: "Ist alles nicht so schlimm, trifft uns in Deutschland nicht." Ja, Scheißdreck.
Irgendwie erinnert mich – der Vergleich sei mir verziehen – die Verarbeitung der Information über die Krise an die 5 Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross, also dem Umgang von Menschen mit der Nachricht ihres Arztes, dass sie nur noch ein paar Monate zu leben haben: Nichtwahrhabenwollen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Ich kann nicht genau sagen, in welcher Phase wir uns gerade kollektiv befinden, aber die tröstende Nachricht vorneweg: Es gibt nicht nur ein Leben in der Krise, sondern es geht auch nach einer Rezession immer irgenwie weiter. So oder so.
Allerdings sollte man wie gute Piloten eines Flugzeugs, welches ein Gewitter durchfliegen wird, auf die Turbulenzen vorbereiten: Den eigenen Gurt noch etwas fester ziehen, die Anschnallzeichen in der Kabine einschalten und noch einmal sicherstellen, dass die Navigationsinstrumente alle laufen. Denn zum Fenster rausschauen, um sich gemütlich an der Landschaft zu orientieren wird nicht mehr funktionieren. Im Instrumentenflug werden die Piloten von Anfang an darauf gedrillt, sich ausschließlich auf das zu verlassen, was ihnen die Nadeln und Balken im Cockpit anzeigen, egal welchen Streich einem zum Beispiel das Gleichgewichtsorgan im Innenohr zu spielen versucht.
Bedeutet auf ein junges Unternehmen übertragen, die "Metrics" wie Cash Flow, Umsatz, Kosten sind erst mal die allerwichtigsten, auf die man sich zu konzentrieren hat. (Mit denen hat man sich schon im ersten Semester BWL herumgeschlagen und sie haben bis heute nichts an ihrem ewigen Wahrheitsgehalt verloren.) Dann kommt erst mal Lange nix, bevor man sich auf die alten Bekannten in "unserer Branche" stürzt: Unique Users, Visits, PIs, Conversions, Retention und was es sonst noch alles gibt. Den Tenor durch die Blogs ist durchweg der Gleiche: Cash aufnehmen wo es geht, Cash-Out reduzieren wo es geht und voller Fokus auf Break-Even und möglichst schnell eine Cash-Flow positive Situation herbeiführen. Oder wie VentureBeat den VC-Godfather des Silicon Valley John Doerr zitiert:
- Act now. Act with speed. Raise money. Get a loan, secure financing. Focus, cut or sell.
- Protect the vital core of the business. But use a scalpel not an ax. Be surgical. Protect the vital core of the company. Cut once, deeper than you think.
- Make sure you have at least 18 months of cash. Or more — on a conservative revenue forecast.
- Defer facility expansions. Don’t spend money on tech infrastructure, such as new software or computers. Doerr noted that Andy Bechtolsheim’s new startup, Arista uses Google Docs (free web office software).
- Reevaluate your R&D priorities.
- Renegotiate any contracts that you can. Everything is negotiable.
- Remember, everyone in the organization should be selling, from the receptionist to the engineers.
- Offer people equity instead of cash e.g. in place of bonuses. (You can do this with outside vendors as well).
- Secure your cash. Treasuries, or treasury backed securities, are more secure than money market funds.
- For your revenue plan, develop and obsess on leading indicators — e.g. bookings, unique visitors, conversions.
- Over-communicate with everyone – employees, investors, partners and particularly customers. Don’t sugar coat things, communicate your resolve.
Martin Varsavsky fügt der Liste auf seinem Blog ganz zurecht hinzu - auch wenn man das ungern hören will-, dass es in Härtefallen auch bedeuten muss, eine Firma dichtzumachen. Seiner Ansicht nach haben wir in den letzten drei Jahren eine zweite Blase erlebt, und wenn die Profitabilität der Firma in 2009 nicht abzusehen ist, dann sei es besser den Investoren das verbliebene Geld zurückzuzahlen als es mit nahezu Gewissheit komplett zum Fenster herauszuschmeißen. Dieser New York Times-Artikel beschreibt wiederum, wie einige Firmen rund ein Drittel ihrer Belegschaft entlassen haben, um sich für die bevorstehende magerere Zeit mit wenig Hoffnung auf Anschlussfinanzierung schlank aufzustellen: Mahalo, Seesmic, Zivity, AdBrite aber auch schon etabliertere Läden wie Hi5 oder Zillow.
So unschön die Lage im Augenblick auch sei, erst recht durch die Unsicherheit die einem niemand nehmen kann, so gebiert eine Krise manchmal auch großartige Chancen wie Jason Calacanis in seinem inspirierenden Post "Good News for People who Hate bad News" schreibt:
Fortunes are built during the down market and collected in the up market. Now’s the time to build, so turn off CNBC and forget the Dow. It’s meaningless to you now. All that matters is your work and your personal progress.
Die Perspektive erinnert mich auch an XING-Gründer Lars Hinrichs, der bei seiner Rückschau auf die Anfänge bei damals noch openBC immer wieder wieder dieses Bild verwendet hat: "Nach dem Zusammenbruch der New Economy herrschte in der Deutschland der nukleare Winter, niemand hat irgendetwas gegründet und niemand wollte irgend etwas finanzieren." Und doch, siehe da, ist in so einem Markt von geringster möglicher Wettbewerbsdichte ein so erfolgreiches Unternehmen entstanden. Die Rahmenbedingungen heute sehen vordergründung ähnlich schlecht aus. Aber mit dem richtige Modell und der nötigen frugalen Einstellung gerade jetzt erst recht. Oder glaubt irgendwer ernsthaft, dass es nichts mehr zu erfinden gibt?
Trackback URL für diesen Artikel:
tja der Varsavsky, seine FON Company scheint derzeit auch den Weg alles Irdischen zu gehen. Schrumpfende Zahlen aktiver Router , gröbste Management und PR Fehler und schon ist der Traum ausgeträumt – immerhin die verrückteste Idee im Silicon Valley!
Einen Kommentar schreiben