Alle Jahre wieder: Die Medientage München, der selbst ernannte Gipfel der Branche. So kann man es freilich auch bezeichnen. Der Gipfel daran ist bestenfallfalls, dass man Jahr für Jahr mit einem neuen Motto herum scharwelzelt, welches den Ernst der Lage immerhin in Euphemismen umschreibt. Heuer lautete es in einer neuen Variation des ewig gleichen Leidens MUT (für “Medien und Transformation”), über das die Süddeutsche zurecht schreibt, dass man sich kein peinlicheres Motto hätte zulegen können. Mut kann man es auch nennen, wenn es sich ein ganzer Haufen hoch bezahlter Leute für drei Tage in einem kuscheligen Paralleluniversum bequem macht, wo einem noch die gebrateten Tauben in den Rachen fliegen und wo der Honig in Flüssen durch die Landschaft mäandert. Weitere Kennzeichen der gehobenen Freakshow:
Ah, und noch ein ganz zentrales Kennzeichen: Das sich gegenseitig auf die Schulter-Klopfen, bei dem man sich geflissentlich versichert zu den Auserwählten zu zählen. Nirgends kommt dies deutlicher zum Ausdruck als bei der alljährlichen “Nacht der Medien”, bei der der Veranstalter auch keinen Zweifel aufkommen lässt:
Gesonderte Einladung direkt durch die Gastgeber und Sponsoren dieser Veranstaltung.
Billiger Trick, funktioniert immer: Künstliche Verknappung. Man läuft der Scheiße hinterher, weil man sie für Gold hält. Seit ich denken kann, gehen Wochen vor dem Event die Anfragen aus dem Netzwerk los: “Kannst Du mir helfen? Kommst Du noch an einer Karte ran oder kennst Du wen, der noch eine übrig hat?” Das Witzige daran: Es findet fast jeder noch sein begehrtes Billet in der dritten Windung, sofern er sich in der Amigo-Seilschaft nur tief genug abgebückt hat. Das Blöde daran: Dann hängt man so tief mit drin, dass man Teil des Problems geworden ist, aber nichts mehr zu seiner Lösung beitragen kann.
Soll konkret heißen: Ein Zirkel, der sich in seinem Elfenbeinturm selbst feiert und dabei systematisch frisches Blut ausperrt, klemmt sich in Wahrheit seine eigene Lebensader ab. Vergleich das mal mit Events im Silicon Valley wie dem “Web 2.0 Summit” oder der “Techcrunch 50″ (ohne gleichzeitig in den Reflex zu verfallen “dort ist alles besser”): Was diese Veranstaltungen, ja die ganze Kultur der Branche auszeichnet, lässt sich am besten mit dem Englischen Begriff “Inclusiveness” beschreiben. Dort käme keiner auf die dämliche Idee, einem zahlenden Event-Besucher den Zugang zu einer Abendparty zu verweigern. Er könnte zwar mit seinen 20 Jahren reichlich milchbärtig aussehen, Badeschlappen tragen, aber der nächste Mark Zuckerberg sein.
Von so einer Haltung ist man bei den Medientagen Galaxien entfernt. Alleine schon deswegen sollte man im nächsten Jahr einen “Gegen-Medientag” parallel zum Jurassic Park veranstalten: Offenes Format, Barcamp-ähnlich, abends noch ‘ne coole Party, kommt alle und bringt noch Eure smarten Freunde mit.
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In allem einverstanden, nur das “vor dem Fall” verstehe ich nicht – die rauschen doch bereits kräftig abwärts und sind längst mitten im Fallen…
Hallo Réne,
weil ich die Kongress-Inhalte nur aus zweiter Hand kenne, kann ich hierzu nicht viel beitragen. Jedoch: Als Messe-Aussteller kommt mir die beschriebene Geisteshaltung nur entgegen. Vielleicht waren viel mehr Besucher an meinem Stand als ich kleine One-Man-Show zu träumen gewagt hätte (und deswegen ganz sicher wieder nächstes Jahr komme).
Sollen die anderen nur weiter wie bisher machen – dann kann ich das auch.
Nur anders.
Lieben Gruß
Armin
Réne,
ich merke, ich habe nichts verpasst … Ich weiß nur nicht, ob der Hochmut nicht auch auf der Gegenseite vorhanden ist. Es gibt mir in der Diskussion immer noch zu viel “DIE” versus “WIR”. Zugleich, die Medien stehen vor riesen Themen, die Mut und Unternehmertum erfordern. Ich glaube eher, dass wie neue Firmen in den “alten” Medien sehen werden, als das ein Dinosaurier sich ändert. In dem Sinne stimmt Jurassic Park …
Ahoi
Sascha
[...] Seiferts Blogbeitrag auf dem e-Lab Blog ist auch [...]
Ach wie sich die “e”-Szene doch so schön selbst wiederholt.
Ich gehöre zu den Dinosauriern, die schon vor über 10 Jahren an elektronischen Büchern aka CD-ROM schraubten. Da waren die damals wenigen Kongressen & Tagungen mit ebensolchen Salbungen verschmiert.
Was haben deutsche Verleger, Vertaster & Verteuer seitdem Geld auf das Problem Zukunft geschmissen?
Man sollte bei der Betrachtung solcher Events immer die salbenden Sülzer von den wenigen echten “Machern” unterscheiden.
Speziell die Spezies “Entscheider” ist von hochluxender Verblendung und suhlt sich gerne wie Erdferkel in Buzzwords ohne auch nur einen Funken noch eine Ahnung zu besitzen.
Doch die Entscheider müssen ihre eigenen Peinlichkeiten nie Aussitzen, da sie am Karriereleiterspringen sind und von einem Wahnsinnsprojekt zum nächsten sich verdünnisieren …
Deshalb sollte man solche “Fachkongresse” ignorieren – ebenso wie das Gruppenbesserwissen der Barcamps und anderen ach so alternativen Veranstaltungen der Generation Rücksitz 2.0.
Viel Gerede hat weder Yahoo oder Alta Vista bisher gerettet. Es entscheiden die besseren Produkte, egal wieviel Geld oder Gesülze dahintersteckt.
… Treffer – versenkt.
[...] der sich in seinem Elfenbeinturm selbst feiert und dabei systematisch frisches Blut ausperrt. René Seifert, Holtzbrinck eLAB Artikel [...]
Wir haben wohl auch nix verpasst. Außer vielleicht die schöne Münchner Landschaft.. Viele Grüsse aus Berlin
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