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eLAB oder der Wert eines Netzwerks





21. October 2006 | René Seifert

Fest ist nur das Triumvirat, das Gros ist frei. Was nicht heißt, dass das Triumvirat deshalb in Knechtschaft lebt: Stephan, Arnd und Michael sind die einzigen Festangestellten von eLAB, alle anderen Aktiven bei eLAB sind Unternehmer, Freiberufler oder „Nebenerwerbsfreiberufler“. Nennen wir sie „Kontakte 1. Grades“, eine Bezeichung die viele von der Netzwerkplattform openBC kennen werden. Weitere Kontakte ersten Grades von eLAB sind Schlüsselpositionen in der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die einem bei der Realisierung von Projekten enorm behilflich sein können.

Meiner Meinung nach ist diese Form der Zusammenarbeit die perfekte Blaupause für die viel beschworene „Zukunft der Arbeit“. Unternehmensorganistionen sind vor allen Dingen deshalb entstanden, weil eine solche integrierte Art der Zusammenarbeit effektiver und effizienter funktioniert als die ständigen Transaktionskosten aus Suche, Koordination und Management von externen Ressourcen. Aber in einer wissensbasierten Branche, so wie sie eLAB geradezu beispielhaft verkörpert, sind diese Transaktionskosten drastisch gesunken. Dank der Möglichkeiten von gemeinsamen Datenplattformen, Online-Projektmanagement-Tools und Skype spielen sie keine kritische Rolle mehr. Im Gegenteil, es ist für ein flexibles und offenes System wie eLAB gerade von Vorteil, wenn die Aktiven über den Brillenrand von Betriebsblindheit hinausschauen und so für einen ständigen Nachschub an guten Ideen, kritischen Fragen und „best practises“ in der Umsetzung von Projekten sorgen. Woher haben sie das? In der Regel über ihre Kontakte ersten Grades, also aus eLAB-Sicht: die Kontakte zweiten Grades.

Ein entscheidendes Phänomen, welches an dieser Stelle kurze Würdigung verdient. Wie man bei den zu Grunde liegenden Konzepten von Online-Netzwerkplattformen wie auch LinkedIn, Ryze oder Orkut immer wieder zu hören bekommt, ist der zweite Grad im Hinblick auf berufliches Fortkommen oft der Bedeutendere. Während der erste Grad entweder nahezu inzestiös zu wenig Variation zum eigenen Umfeld bietet oder bei zu starkem Protegieren nach Vetternwirtschaft riecht, so ist der zweite Grad an Kontakten von beiden Makeln unbefleckt. Auch rein rechnerisch steigen die Chancen, wenn man zu den eigenen Kontakten ersten Grades noch die Kontakte zweiten Grades dazuzählt (und korrekterweise die Schnittmenge von beiden abzieht), auf einen sagenhaften Pool von smarten Leuten „zugreifen“ zu können. Der Begriff könnte auf Anhieb vielleicht missverstanden werden, weil „Zugriff“ nach einer Verhaftung durch die GSG 9 klingt – ob die „Zielperson“ nun will oder nicht. Beim Netzwerken ist genau das Gegenteil der Fall, der Kitt zwischen den „Knoten und Kanten“ ist gerade wegen der Abwesenheit von z.B. formalen Arbeitsverträgen die richtige Mischung aus Verlässlichkeit, Reputation und Vertrauen. So gibt es doch kaum etwas Schlimmeres, wenn man von einem guten Freund nach einer zuverlässigen Autowerkstatt gefragt wird, man in den höchsten Tönen eine angeblich jahrelange gute Erfahrung lobt, die sich für den guten Freund jedoch als übelste Rosstäuscherbude entpuppt. Dieser Schuss geht vor allem für einen selbst nach hinten los.

Was mir bei eLAB besonders viel Spaß macht, ist genau dieser „Zugriff“ auf äußerst smarte Leute zu den verschiedensten Themen. Ich arbeite unter anderem gerade an einem Gesundheitsnetzwerk und brauchte für eine erste Modellrechnung inhaltliches Futter zu Search Engine Marketing (SEM) und Direktmarketing. Im ersten Fall bin ich einfach ein Büro weiter, wo Luis Ritter mega-hilfbereit nicht nur die Antwort, sondern auch weit darüber hinaus ein wertvolles Excel-Dokument mit mir geteilt hat. In fünf Minuten war ich wesentlich schlauer, worüber ich sonst alleine gut und gerne hätte zwei Tage lang brüten können. Zum anderen Thema hatte ich ein Meeting mit Johannes Mettler, der für Holtzbrinck eine Firma für Direktmarketing aufbauen wird, der mir mit einer enormen Erfahrung wie aus der Pistole geschossen nicht nur die Fragen beantwortet hat, sondern mich auch gleich auf wertvolle Kontakte, aus eLAB-Sicht, zweiten Grades verwiesen hat.

Und da waren sie also wieder, die Kontakte zweiten Grades: Man ahnt oft gar nicht, dass es sie gibt. Plötzlich sind sie da und helfen einem enorm weiter. Nach einiger Zeit guter Zusammenarbeit werden sie Kontakte ersten Grades, bringen aber ihrerseits eine Fülle von neuen unerforschten Kontakten mit. Das ist das eigentlich Faszinierende an sozialen Netzwerken: Sie sind kein knappes Gut, sie sind eher so etwas, wie Paulo Coelho in seinem Roman „Der Zahir“ schreibt, eine „Favor Bank“: Je mehr man selbst einzahlt, desto mehr bekommt man bereits im Verlauf der Investition heraus.


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1 Kommentar »
21. October 2006 - 21:49, abgelegt in Kategorie: Communities, People, Social Networks, eLAB Intern

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Eine Reaktion zu “eLAB oder der Wert eines Netzwerks”
  1. Dogbert Am 25. October 2006 um 08:42 Uhr

    Gute Zusammenfassung zu den Perspektiven der Zusammenarbeit in offenen Netzwerken nach Überwindung der betonierten Festangestellten-Mentalität. Allerdings bräuchte auch die neue Zusammenarbeit einen verlässlichen Rahmen. Ich rede jetzt nicht dem teils absurden deutschen Arbeitsrecht das Wort, es geht erst recht nicht um die jedes Engagement tötende Garantie eines gleichförmig wachsenden Festangestellten-Salärs oder das zu restriktive Urheberrecht. Aber über die Selbstregelungskraft eines Netzwerkes hinaus, die letztlich auf einem Vertrauensvorschuss und dem täglichen Beweis des guten Rufs des Einzelnen im Netz basiert, wären klare Spielregeln gerade für gemeinschaftliche kreative Prozesse hilfreich. Nur dann kann ein zentraler Vorteil bei sog. Web 2.0-Anwendungen, die kaum beschränkte Weiterverbreitung und Vernetzung von Inhalten, m.E. ökonomisch gerecht genutzt werden. Und damit das Heer der Kreativen in einem Netzwerk ihren Lebensunterhalt darauf aufbauen. Sonst darf die "digitale Boheme" (Der Spiegel) nach ihrer Arbeit nicht nur im Einzelfall der gerechten Entlohnung hinterher rennen.

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