Frank hat neulich schon lebhaft zu Second Life gebloggt. Nachdem dieser "Metaverse" inzwischen schon über 4,6 Millionen Bewohner zählt und wöchentlich 230.000 (!) Neue hinzukommen, so fällt meine jüngste systematische Beschäftigung mit dem Thema eher unter die Adaptions-Liga "Late Follower". Besser spät als nie, einen Avatar habe ich auch schon: "Drurin Dagostino" heißt er.
Anknüpfen möchte ich bei Frank und seiner Schilderung von unternehmerischer Tätigkeit in Second Life, um die es uns bei eLAB schlussendlich in jeder Betrachung geht. Second Life gibt einem gleich von sich aus eine Reihe von Anregungen auf den Weg, wie man als virtueller homo oecomicus den Schritt in die Selbständigkeit wagen kann. Und eine die voll ins reale Leben durchschlagen kann: Die virtuelle Währung Linden Dollar ist frei in "echtes Geld" konvertierbar und umkehrt, wobei in einer solchen leichtfertigen Aussage bereits der erste Hund begraben liegt. "Jede Währung ist virtuell", wendet nicht zu unrecht Prof. Edward Catranova von der Indiana University ein. Der reale Wert entspreche zunächst nur dem gedruckten Papier oder dem geprägten Metall in Gestalt der Münze, wird Castranova in einem erstklassigen Special zu Second Life in "The Economist" zitiert (Abo oder per-per-read erforderlich.) Der Wert einer Währung, Geldpolitik, irgendwie lässt da das Seminar Volkswirschaftlehre im Hauptstudium grüßen.
Einen Schritt zurück, die Frage: Was ist unter grundsätzlichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten im virtuellen Second Life anders als in einer realen Volkswirtschaft? Vermutlich hilft einem dieses Verständnis beim Design von möglichen Geschäftsideen, die einerseits skalierbar sein sollen, andererseits in einem Wettbewerbsmarkt verteidigt werden müssen. Ein paar Überlegungen:
1. In einer zunehmend globalisierten Welt tun sich Volkswirtschaftler immer schwerer, das idealtypische Modell einer "geschlossenen Volkswirtschaft" aufrechtzuerhalten, nachdem der Export/Import von Gütern und neuerdings auch Dienstleistungen (e.g. Software-Entwicklung in Indien) einen wesentlichen Anteil am Bruttosozialprodukt besetzen. Insofern ist Second Life noch "rein", nämlich eine rein geschlossene Volkswirtschaft. Schön zu wissen, hilft aber für die Fragestellung nicht wirklich weiter.
2. Die Knappheit der Güter ist aufgehoben. Die Welt ist im Gegensatz zu unserem Planeten nicht endlich, Land und Inseln gibt es so viele, wie man neue Server in die Racks des Datacenter vom Betreiber Linden Lab schraubt. Die Konsequenz: Das Modell "Immobilienhai" ist zum Scheitern verurteilt: "Billig kaufen, luxusrenovieren, halten bis die Gegend hip wird und teuer verkaufen" kann nicht ansatzweise die Gewinne bringen, wenn am anderen Ende der Welt, die man ruck-zuck mit einem Teleportierungs-Flug erreichen kann, neues Land unbegrenzt aus dem virtuellen Boden schießt.
3. Abwesenheit von Skalenerträgen. Herkömmliche Industrieproduktion lebt davon, dass man den Fertigungsprozess mit so viel Kapitaleinsatz und Fixkosten optimiert, dass die Stückkosten über die Masse in der Ausbringungsmenge sehr niedrig ausfallen. Kreative Unternehmer in Second Life brauchen aber keine teueren Fabrikhallen, der limitationale Faktor ist bestenfalls die eigene Vorstellungskraft und zugegebenerweise auch ein bisschen die Zeit. Die Grenzkosten für jedes zusätzliche Produkt liegen dank Copy & Paste bei genau Null.
Wo ich noch gar keinen Durchblick habe, ist bei den Fragen rund um die Existenz und Rolle einer Art Zentralbank von Second Life, die als "Hüterin der Währung" für monetäre Stabilität sorgen soll. Gibt es die überhaupt? Braucht man die überhaupt in einem Szenario, wo es keine knappen Güter gibt? Kann es Inflation durch typische Überhitzung geben, wo die aggregierte Nachfrage das aggregierte Angebot übersteigt? Woher kommt die Geldmenge bei Second Life überhaupt? Kann die Zentralbank einfach die "Geldpresse" anwerfen und so das Geld entwerten? Wenn man das als isoliertes Phänomen verstanden hätte, dann kann man sich im nächsten Schritt der Frage zuwenden, warum es in den letzten Monaten zwischen Linden Dollar und US-Dollar durchaus bemerkenswerte Wechselkurschwankungen gegeben hat. Ein systematisches Risiko, gegen das man sich als Unternehmer versucht so weit es geht z.B. durch "Hedging"-Instrumente zu wappnen. Um so mehr, wenn man am Ende des Geschäftsjahres seine G&V-Rechnung im bewährten Euro verabschieden wird.
Freue mich über jeden Hinweis zu diesem Fragenkomplex und wünsche schon mal ein schönes Wochenende.
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