Farmville zieht alle Register von Social Gaming
So, mich hat’s auch erwischt. Und ich war immer das größte Lästermaul, was die debilen Feeds bei Facebook angeht à la “XYZ just dug up some delicious truffles with the help of their pig in FarmVille” verbunden mit meine Reaktion “ich nie”. Nun ja, “sag niemals nie”, lautet einmal mehr das Gebot der Stunde. Wie ein Strudel, dem man sich nicht entziehen kann, fixt das Spiel einen an und lässt auch so schnell nicht mehr los. In Zahlen: Farmville ist mit 70 Mio. aktiven Spielern die mit Abstand erfolgreichste Facebook-App, doppelt so viele Installationen wie die Nummer 2 (“Causes”) und vermutlich sogar Twitter zahlenmäßig überlegen. Bei 350 Mio. Facebook-Mitgliedern ist das also jeder Fünfte ein Bauer.
Hinter dem Spiel steht die Firma Zynga aus San Francisco, die in 4 Runden US-$ 54 Mio. an Finanzierung eingesammelt hat, um damit eine Reihe von browserbasierten Social Games zu entwickeln. Der Clou: Anstatt sich dem Problem auszusetzen, mit viel Marketing-Aufwand Kunden zu gewinnen, propfen sich Zyngas Spiele voll und ganz auf bestehende Social Networks wie MySpace oder eben Facebook auf. Eine ganze Reihe von Social Games wie Mafia Wars, FishVille sind dabei schon entstanden, das mit Abstand erfolgreichste Flaggschiff heißt FarmVille.
Ich kann nur jedem aus der Online-Branche empfehlen sich aus rein professionellen Gründen mal in den Strudel reinziehen zu lassen, weil was die Macher von FarmVille in der Spielemechanik an Tricks aus dem Hut zaubern, nötigt einem unbedingten Respekt ab:
- Die Einstiegshürde ist ein Klick, um die App auf Facebook bei sich zuzulassen, dann ist man dabei, steht auf einem Acker mit 6 Parzellen, dessen Gemüse darauf wartet abgeerntet zu werden. Mit den Einnahmen pflügt man das Feld frisch um und sät neu an. Erstes Erfolgserlebnis.
- Das Prinzip ist super-einfach und erschließt sich auf Anhieb: Säen, warten, ernten. Kapital akkumulieren, wachsen und wieder säen. Finde das Ding aus pädagogischen Gründen übrigens auch für Kinder durchaus geeignet, um ihnen ein paar Grundlagen des Wirtschaftens spielerisch zu vermitteln.
- Weil man seine Ernte nicht vergammeln lassen will, kommt man halt doch immer wieder zurück. Wenn man irgendwann auch Tiere auf seiner Farm stehen hat, dann wollen auch die Kühe gemolken werden. Stichwort: Wiederkehrrate.
- Damit man mit zunehmender Spielaktivität den linearen Effekt “mehr vom Gleichen” vermeidet, arbeitet man sich in mehreren Stufen nach oben, was einem Saatgut für neues Gemüse oder die Möglichkeit zum zusätzlichen Landerwerb eröffnet. Zwischendrin gibt’s auch positive Überraschungen, wie irgenwelche Auszeichnungen oder sponate Goldnuggets, die einem als kleine Belohnungen das Leben versüßen.
- Man spielt FarmVille nicht kompetitiv gegen andere, sondern geradezu mit anderen. Erst in diesem sozialen Kontext macht das Spiel richtig Spaß, wenn man sich mit Gratis-Geschenken beschert oder sich gegenseitig den Acker düngt, wovon man selbst sowie der “Nachbar” im Spielverlauf profitiert. Irgendwie hat das Spiel auch was von sozialer Gleichheit: So düngt mir der CEO der indischen Niederlassung eines großen deutschen Automobilkonzerns regelmäßig den Acker und ist ansonsten auch ganz vorne dabei, täglich sein Feld in Schuss zu halten :-)
- Dieser Effekt in Kombination mit zahlreichen Anlässe seine kleinen Errungenschaften und Hilferufe in die Community zu verbreiten, machen FarmVille in der Ausbreitung viraler als die Schweinegrippe. Kundengewinnungskosten für das Unternehmen quasi Null.
- Geld verdient Zynga auf ganz räudig geschickte Art und Weise: Man kann das Spiel ewig und auf alle Zeiten umsonst spielen. Allerdings haben die Spielentwickler äußerst geschickt an verschiedenen Stellen kleine, unaufdringliche Schmerzpunkte eingebaut, zum Beispiel: Wird der Acker mal groß, dann ist es mühsam das Feld mit der Hand zu bestellen. Mit den akkumulierten Münzen aus dem Erntezyklus kann man sich zwar einen Traktor kaufen, aber um auf Dauer dessen Sprit zu bezahlen, bedarf es der äußerst knappen Parallelwährung “FV-Dollars”. Diese kann man ganz einfach unter Einsatz der Kreditkarte mit echtem Geld aufladen.
Ich geb’s zu: Ich hab’ meine Kreditkarte auch schon zwei mal mit insgesamt 26 “echten” Dollar gebügelt, um da schneller voran zu kommen. Hey, aber wenn man zu zweit für einen 90-Minuten Film ins Kino geht, hat man den Betrag auch schnell für mehr oder minder planloses Entertainment durchgebrannt. Virtuelle Güter, wir kommen!
Wie es im richtigen Leben so spielt, wachsen die Bedürfnisse nach Erfüllung der Subsistenzsicherung auf der Maslow’schen Bedürfnispyramide mehr und mehr in Richtung künstlerischer Selbstverwirklichung. Heißt bei FarmVille: Ist man nach der ersten Kapitalaufhäufung finanziell aus dem Gröbsten raus, dann kann man sich seine Farm mit Häusen, Schuppen, Bäumen, Schubkarren, Windmühlen und jetzt zur Weihnachtszeit mit saisonalem Firlefanz wie Schneekugeln ganz persönlich einrichten. Auch da gibt es einige Artikel, die man nur gegen die begehrten “FV-Dollar” nach dem Umtausch richtiger Kohle kaufen kann.
Wenn ich mir die Farmen meiner “Nachbarn” (=Freunde), die ich besser kenne, näher anschaue, dann ist die Gestaltung ein nahezu perfekter Spiegel ihres Charakters. In einer kurzen Selbsteinschätzung zu mir und einem Screenshot meiner Farm oben: Sehr effizient, minimalistisch organisiert, auf Skalierung ausgerichtet. Ansonsten ein ästhetisch-gestalterischer Totalaufall.
Kuckt man sich hingegen diese Farm von meiner Nachbarin Philippa (“Mutti”) an, die das Verbrechen begangen hat, mich viral mit FarmVille zu infizieren, dann sieht man spielerische Kreativität, wo liebevolle Hege und Pflege von Flora und Fauna ein individuelles kleines landwirtschaftliches Paradies erschaffen haben.
Ja schee, gell. Wenn “Mutti” nicht die Gattin von einem meiner besten Kumpels wäre, dann wäre sie für mich im Rahmen von “Bauer sucht Frau” die ideale komplementäre Ergänzung … :-)




