Diskussionen mit Unternehmern über ihr eigenes Ventures verlaufen häufig sehr emotional und leidenschaftlich. Ohne Zweifel muss der Unternehmer für das Gelingen seines (neuen) Geschäfts mit dem letzten Tropfen Herzblut dahinterstehen. Dabei wird gleichzeitig deutlich, welchen schizophrenen Spagat er beherrschen muss.
Der Unternehmer hat nämlich die mehr oder weniger ehrenhafte Rolle, gleichzeitig Arbeitskraft und Investor für sein Unternehmen zu sein. Schafft man es gedanklich, diese beiden Rollen ein wenig auseinanderzudividieren, lassen sich Fehlentwicklungen frühzeitig verhindern. Ebenso behält man gegenüber den verschiedenen Share-und Stakeholdern einen kühlen Kopf, weil man sich besser in deren Rolle hineinversetzen kann.
Arbeitskraft
Setzt man sich den Hut der Arbeitskraft auf, liegen die Dinge noch einigermaßen auf der Hand: Man möchte eine unmittelbare Belohnung für die geleistete Arbeit. Am Ende eines jeden Monats und je mehr desto besser. Einfach.
Investor
Nachdem der Unternehmer per definitionem einen Anteil an seinem Unternehmen hält, findet er sich zwangsläufig auch in der Situation des Investors wieder. In der reinrassigen Ausprägung bedeutet dies, dass er das eingesetzte Kapital mit möglichst geringem Risiko bestmöglich verzinsen möchte. Und da steht sein Unternehmen als Option im Wettbewerb zum Sparkonto, einem Aktienfond oder einer „Private Equity“-Beteiligung bei einem Unternehmerspezl. Ebenso sollte der besonnene Unternehmer-Investor nicht der Illusion aufsitzen, nur weil er bei seinem eigenen Unternehmen die Zügel selbst in der Hand hat, sei das ganze Wagnis weniger riskant.
Institutioneller Investor bei der Kapitalbeschaffung
Die Rolle des Investors wird am drastischsten deutlich, wenn der Unternehmer sich im Gespräch mit institutionellen Investoren befindet, die das Venture als Investitionsobjekt rein aus einem finanziellen Blickwinkel sehen. Wie ich neulich bei einer Podiumsdiskussion in Bombay (Indien) sehr plastisch mitgenommen habe, ist für einen Investor der Faktor Kapital wie das Inventar im Einzelhandel, nämlich ein durchlaufenden Posten. Wesentlich ist jedoch das Verständnis für den Unterschied zwischen Preis und Wert. Ein Preis für den Kauf einer Beteiligung kann niedrig oder hoch sein, das ist dem durchlaufenden Posten Kapital aber zunächst egal.
Es kommt einzig und alleine auf den Wert an, der sich im Anschluss an die Beteiligung aufbauen lässt. Aus der Perspektive geht es einem institutionellen Investor zunächst nicht darum, den „Bang for the Buck“ zu maximieren, sondern den „Bang for the Time“. Die Zeit für die Auswahl des richtigen Investments, vor allem aber die Zeit während der Betreuung seines Portfolio-Unternehmens werden zur knappen Ressource, die diesen gewünschten Wert aufbauen soll - und somit auch sein eigener limitationaler Faktor.
Schizophrenes Dasein
Aber zurück zu unserem Unternehmer: Wie schwierig die strikte Trennung der beiden Hüte von Arbeitskraft und Investor aufrechtzuerhalten ist, zeigt sich spätestens, wenn man mit knapper Kapitalausstattung startet und auf eine marktübliches Gehalt der Arbeitskraft verzichtet. Ohne ein solches „Bootstrapping-Szenario“ hat man womöglich gar keine Chance, sein Unternehmen zum Laufen zu bringen. Umgekehrt: Läuft es ganz ok und man zahlt sich ein zu üppiges Gehalt aus, so kann einen dies bei einem Unternehmensverkauf teuer zu stehen kommen.
Ein einfaches Rechenbeispiel dazu: Bei einem Unternehmensverkauf wird für die Bepreisung gerne ein Vielfaches eines Jahresgewinns zu Grunde gelegt, sagen wir das 8-fache. Gönnt sich ein Unternehmer in seiner Rolle als Arbeitskraft pro Monat einen Tausender mehr, so macht er im Jahr entsprechend € 12.000 zusätzlich an Gehalt (brutto). Falls ihm bei einem Unternehmensverkauf jedoch noch z.B. 60 % am Unternehmen gehören, so rächt sich diese Maßnahme mit einer Einbuße von € 57.600 (=8*12*1000*60%) in seiner Rolle als Investor.
Mut zum Rollenwechsel
Extremismus zahlt sich im Leben selten aus, das Gleiche triff zu, wenn man einen der Hüte so exzessiv aufhat, dass man die Perspektive des anderen gar nicht mehr beherzigt. Ein Unternehmer, dessen Firma über einen längeren Zeitraum keine adäquate Rendite abwirft, sitzt auf Dauer dem Phänomen der Selbstausbeutung auf. Bezogen auf die geschilderte Logik, aber womöglich auch faktisch, wäre es für ihn als Arbeitskraft besser bestellt.
Auf der anderen Seite des Spektrums liegt der Unternehmer, dessen Business nicht nach Plan läuft, wo langfristig und ohne Aussicht auf Besserung mehr Geld hinaus- als hineinfließt, und wo er als Gegenmittel mehr und noch mehr Geld in das Unternehmen hineinsteckt. Nicht nur, dass er abseits jeglicher Portfolio-Vernunft alles auf eine Karte setzt, sondern er riskiert auch, „schlechtem Geld“ auch noch „gutes Geld“ hinterherzuwerfen.
Wechsel ins andere Lager?
Zum Abschluss noch diese eine Frage: Wer ist eigentlich der bessere institutionelle Investor? Einer der immer nur als reiner Investor Geld angelegt hat oder jener, der zuvor als Unternehmer gewohnt gewesen ist, selbst die Ärmel hochzukrempeln? Bei dem genannten Panel in Bombay berief sich einer der Teilnehmer auf eine angeblich empirische Studie, die das Pendel zu Gunsten des reinen Investors ausschlagen lässt. Begründung: „Entrepreneurs invest into companies they believe they can fix, investor invest into the right people who do the fixing.”
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Unternehmertum: Schizophrene Rolle zwischen Arbeitskraft und Investor - eLAB-Blog
Der Unternehmer ha…
[...] Besonderheiten bei Start-Ups Insbesondere der oder die Gründer zeichnen sich dadurch aus, dass sie in Personalunion Eigentümer, und Manager/Angestellte sind. Sie bilden den Nukleus der Saat, aus der ein blühender Garten entstehen soll. Ihre Motivation ist aus einer Idee ein erfolgreiches Unternehmen zu gestalten sowie oft alles eigene Ersparte und das von „Friends & Family“ zu vermehren. Dafür sind echte Unternehmer bereit, sich über eine olympische Langstrecke den Arsch bis zum Genick aufzureißen. (Zu dieser schizophrenen Doppelrolle zwischen Investor und Arbeitskraft siehe auch dieser frühere Post auf dem eLAB-Blog.) [...]
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