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Was passiert im Nachlass mit dem “virtuellen Vermögen”?





6. May 2008 | René Seifert

Auch wenn ich mich mit 37 Jahren augenblicklich bester Gesundheit erfreue, war es mir in den letzten Monaten ein Bedürfnis meine persönlichen Angelegenheiten zu regeln, falls der Fall der Fälle meines Ablebens eintreten sollte. Freilich stand dabei die Verfügung über mein Eigentum im Mittelpunkt, aber mein Testament bei einem befreundeten Notar in Mühldorf am Inn hat unter dem Absatz „Auflagen“ auch folgende Aussage über das „digitales Vermögen“ getroffen.

Der Erblasser ordnet an, seinen in digitaler Form vorliegenden Nachlass (z. B. Fotos, Videos und Blogs) dauerhaft zu sichern. Insbesondere sollen die URLs www.reneseifert.com  www.flickr.com/photos/drurin und www.youtube.com/user/drurin mitsamt den dort bei Tod hinterlegten Daten gegebenenfalls durch Zahlung von nötigen Domainverlängerungs- und   Hostingkosten sowie Veranlassung von systemkritischen Entwicklungsmaßnahmen in Betrieb gehalten werden.

Ich hatte mir die Zeit davor aus unternehmerischer Sicht immer wieder den Kopf darüber zerbrochen, dass dieses „Problem“ in absehbarer Zukunft in solch einer Menge relevant sein wird, dass man eigentlich ein Geschäftskonzept daraus machen sollte. Eine Unterhaltung mit XING-CEO Lars Hinrichs neulich in Delhi hat mich dabei bestärkt. Auf meine Nachfrage wie XING mit Profilen von verstorbenen Mitgliedern umgeht, erläuterte Lars dass man derzeit dem Wunsch der Angehörigen entspreche, das Profil entweder zu löschen oder aber ganz normal weiter laufen zu lassen (ohne besondere Kennzeichnung). Bisher sei der Fall nicht allzu oft vorgekommen, aber mit der Zeit werde er sich freilich häufen.

Social Graph endet nicht mit dem Tod
In der Tat, das Szenario „Löschen“ ist eher der „no brainer“ weil es meiner Meinung nach mangels erklärtem Willem des Verstorbenen passiert und man außerdem bisher noch nicht so recht mit der Situation umzugehen weiß. Dabei endet weder die Schönheit der bei Flickr hoch geladenen Bilder mit dem Ableben noch die Existenz des „Social Graph“ in einem Netzwerk wie XING. Für letzteren Fall wird es auf kurz oder lang sicherlich darauf hinaus laufen, dass das Mitglied zu Lebzeiten per entsprechende Systemoption ganz einfach seinen Willen zum Ausdruck bringt und der Dienst im Frontend zu einer Kennzeichnung in Form z.B. eines virtuellen Trauerflors auf dem Profilfoto gelangt. Das mal schätzungsweise 15 Jahre in die Zukunft gedacht.

Elemente eines Dienstes
Auf einer Meta-Ebene darüber hinaus stellt sich der Bedarf nach einer Art virtuellem Friedhof. Auf Basis der heutigen Topologie des Internets wo es verschiedene Dienste unter verschiedenen URLs existieren, läuft es in erster Linie auf eine Aggregationsfunktion hinaus, in die man entweder zu Lebzeiten selbst oder durch Anordnung der Hinterbliebenen seine verstreuten Dienste zusammenträgt. Weitere zentrale Aspekte:

  • So ein Dienst muss die Autorität besitzen, dass die dort hinterlegte Verfügung glaubwürdig und rechtlich bindend ausfällt.
  • Die Verfügung muss je aggregiertem Item die Granularität besitzen, bestimmte Dienste löschen zu lassen, während andere erhalten bleiben.
  • Ein Prepaid-Konto kann dabei helfen, dass eine Domainregistrierung nicht ausläuft oder ein Premium-Konto nicht abgeschaltet wird.
  • Auf dem Dienst selbst kann der Erblasser zu Lebzeiten über eine Gestaltung seiner Seite samt einer letzten Erklärung entscheiden.
  • Eine „People-Search“ in Verbindung mit Suchmaschinenoptimierung macht den Dienst gut erreichbar.

Als besonnener Unternehmer muss man nach dem Anfangsenthusiasmus über eine „tolle Idee“ gleich den Hut des Teufels Advokaten aufsetzen und sich fragen, weshalb das Konzept scheitern kann. Und da kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass sich nicht wirklich viele vor allem junge Menschen mit dem Thema auseinandersetzen möchten. Insbesondere verbietet sich die Hoffnung auf eine virale Verbreitung nach dem Motto „Join my virtual Graveyard“. So sehr man sich auch um vernünftige Argumente und eine lebensbejahende Ansprache bemüht, die „Marktdurchdringung“ wird der schwerste Brocken sein. Insoweit sehe ich zunächst eher die  Dienste wie Flickr oder Facebook in der Rolle, irgendwann dezent und unaufdringlich diese Funktion als Systementscheidung einzusetzen.

Timing
Umgekehrt bin ich mir sicher, dass es eben auch eine ordentlich gebaute Lösung zu dem aufgeworfenen Problem geben wird. Die Frage des Timings wird entscheidend sein, vor allem weil man bei der Topologie des Internet als „fast moving target“ erhebliche Unsicherheit in Kauf nehmen muss. Denke aber, dass heute bereits der Zeitpunkt gekommen ist, uns für das Thema zu sensibilisieren und über mögliche Wege nachzudenken. Gleichzeitig sollten wir uns entspannt vor Augen führen, dass sich die meisten von uns über eine so lange Lebenserwartung wie nie zuvor freuen dürfen …


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18 Kommentare »
6. May 2008 - 08:52, abgelegt in Kategorie: Analyse, Makro-Trends, Social Networks, Web 2.0

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18 Reaktionen zu “Was passiert im Nachlass mit dem “virtuellen Vermögen”?”
  1. : Der virtuelle Tod im Web 2.0 auf kubitz.net | webcoach | social media | sinnvolles handeln Am 6. May 2008 um 09:18 Uhr

    [...] bemerkenswertes Posting von René Seifert auf dem eLab-Blog über das Thema: “Was passiert im Nachlass mit dem “virtuellen Vermögen“?”  Was passiert eigentlich mit meinen Videos auf YouTube, meinen Freunden auf Xing [...]

  2. S. Rothe Am 6. May 2008 um 09:49 Uhr

    Moin René, zu diesem Thema habe ich mir vor ein paar Wochen im Trauerkulturblog Gedanken gemacht: http://www.trauerkulturblog.de/tod-im-spzialen-netzwerk Einen echten Bedarf sehe ich für eine am Gemeinwohl orientierte Stiftung (ein Business-Modell wird in diesem Bereich nach meiner Einschätzung und Beobachtung der letzten Jahre von den Menschen nicht genug Vertrauen im Bereich "vermutete Nachhaltigkeit" bekommen). Aufgabe der Stiftung wäre es weniger den persönlichen Flickr-Account zu erhalten, sondern viel wichtiger, die persönlichen und unter Umständen wertvollen Domains für die Erben dauerhaft zu sichern und im Auftrag der Erben zu deren Vorteil (oder gerne auch zum Nutzen des Gemeinwohls) zu bewirtschaften. Wenn heute jemand verstirbt, der potentiell immer wertvollere Domains besitzt, dann laufen diese aus oder die Erben werden eventuell aus Unerfahrenheit "über den Tisch gezogen". Einer Domainbewirtschaftungs-Stiftung (die dann auch den Flickr-Account und die Personality-Domains nebenbei mitpflegen kann), die im Auftrag der Erben oder zugunsten des Gemeinwohls tätig ist, würde ich persönlich gute Chancen für eine Nachhaltigkeit einräumen, die über einige wenige Jahrzehnte hinausgeht. Vielleicht ist das eine weitere denkbare Rolle für die Denic? Gruß Stephan Rothe

  3. Bodenseepeter Am 6. May 2008 um 10:35 Uhr

    SecondDeath.com – die digitale Grabstätte. Alte Idee, noch immer nicht umgesetzt. Wir haben das Konzept, gebt ihr das Geld?

    ;) LG, P

  4. Tobias Am 6. May 2008 um 13:36 Uhr

    Spannendes Thema!
    Die virtuellen Grundstücke auf whatsyourplace.de können natürlich vererbt werden

  5. Hugo E. martin Am 6. May 2008 um 18:22 Uhr

    @René

    ich bin für’s Vergesellschaften von solchen Nachlässen, entweder nach 50 Jahren (o.ä.) und wenn die Erben nicht zahlen wollen, auch gleich …

  6. Daniel Schultz Am 6. May 2008 um 23:27 Uhr

    Gerade durch die Tatsach, dass der Tod in unserer Gesellschaft verdrängt wird, find ich es
    lobenswert sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gesellschaftlich ist es meines Erachtsen auch eine Idee für engagierte Blogger, das Blog des Verstorbenen unter eine Art Denkmalschutz zustellen, wenn der Betroffene zu Lebzeiten einwilligt. Die EU möchte ja gerade Blogs fördern, vielleicht ist das eine Möglichkeit die Ideen des Verstorbenen am Leben zuerhalten.

  7. Guido Am 9. May 2008 um 16:01 Uhr

    Hallo René,

    vielen Dank für diesen spannenden Input. Ich wäre potenzieller Kunde eines Dienstes, bei dem ich kleinteilig und individuell konfigurieren (vulgo: festlegen) kann, was mit meinen digitalen Trampelpfaden geschehen soll, wenn es mich in der heutigen Form nicht mehr gibt.

    Ich sehe das Thema aber auch unter einem anderen, womöglich etwas profanen, aber praktischen Aspekt, motiviert durch den viel zu frühen Tod eines guten Freundes. Als er verstarb, hatten die Nachfahren keinen Zugang zu seinen digitalisierten Geschäften und Services. Und in der Tat: Wenn ich jetzt von meinem Stuhl falle (*knockonwood*), kennt niemand mein Master-Passwort, weiß nicht, was meine geheimen Notizen bedeuten usw. pp.

    Viel zu tun bei dem Thema… Ich wäre dabei *g*

    Herzlichst Guido

  8. Protokoll vom 10. Mai 2008 at Trackback Am 10. May 2008 um 18:35 Uhr

    [...] Und dann? Rene Seifert über den virtuellen Nachlaß [...]

  9. TRB 076: Wikis, Netz-Testament, Cheatbots at Trackback Am 10. May 2008 um 20:46 Uhr

    [...] Tilmann Holst erklärt, warum das LarpWiki auf einmal offline war 42:43 Rene Seifert über den virtuellen Nachlass 51:40 Hendrik Wieduwilt weiß, wieso Blizzard Cheatbotprogrammierer verklagen kann.  TRB [...]

  10. Lars-Michael Lehmann Am 11. May 2008 um 20:45 Uhr

    Danke für den wirklich interessanten Beitrag!

    Lars-Michael Lehmann

  11. Mainstream-Media (MSM): Cross-over und Entwertung » eLAB-Blog Am 14. May 2008 um 16:03 Uhr

    [...] Cross-over und Entwertung Mainstream-Media (MSM): Cross-over und Entwertung « Was passiert im Nachlass mit dem “virtuellen Vermögen”? 14. Mai 2008 | René [...]

  12. Thomas Promny Am 23. May 2008 um 16:09 Uhr

    Interessant, genau darüber habe ich auch kürzlich nachgedacht.
    Es geht ja auch nicht nur um Daten, die heute online stehen. Viel wertvoller und gerade deshalb nicht online sind ja oftmals die persönlichen Daten auf Laptops und ähnlichem.
    Gerade auch diese müssten aufgehoben werden. Digitale Archäologen der kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte werden das brauchen.

  13. Mein “Do-it-yourself-Funeral” Am 12. June 2008 um 15:45 Uhr

    [...] Hinweis an alle Nerds, Geeks und Freaks >> Auch der virtuelle Nachlaß will geregelt [...]

  14. Nach mir... | LuckyKvD´s Weblog Am 16. June 2008 um 23:05 Uhr

    [...] Einen interessanten Artikel hier zu findet Ihr –> hier! [...]

  15. ein letzter Brief Am 19. June 2008 um 17:06 Uhr

    Es hat sich ausgetwittert. Was bleibt, wenn ich gehe?…

    Hier spricht natürlich jemand, der gerne für immer in Erinnerung behalten werden möchte. Wer möchte das nicht?
    René Seifert von eLAB hat vorgesorgt und sich ein paar lesenswerte Gedanken zum \”virtuellen Vermögen\” nach dem Tod gemacht…

  16. Sascha Schmidt Am 7. August 2008 um 17:17 Uhr

    Passend dazu aktuell “Tote leben im Web weiter” unter http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=080807024

    Es geht beliebende Profile bei Facebook und Co. obwohl man schon selber “sonst wo ist” …

  17. neues aus der roiberhöhle » Blog Archive » wir müssen mal reden: über den tod Am 27. July 2009 um 23:52 Uhr

    [...] hier, hier und hier nachzulesen ist, beschäftigen sich einige mit dem thema, was eigentlich passiert mit [...]

  18. christian Am 19. August 2009 um 08:30 Uhr

    und gibts einen deutschen dienst, der euren beitrag wohl gelesen hat: http://www.idivus.com :-)

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