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Web 2.0 Expo: Neues zur Zukunft von Mobile





25. April 2008 | René Seifert

Drama
Dank Jetlag kommt man in San Francisco auch mitten in der Nacht zum Nachdenken und Bloggen, und zwar zu einem Thema welches dieser Tage sowohl direkt als auch indirekt ziemlich verschärft hier die Runde macht: Mobile. Die indirekten Anwendungen werden vor allem durch die Massenseuche Twitter angefacht, der ich inzwischen auch verfallen bin. Ein perfektes Beispiel für das Web 2.0-Kriterium "Software above a single Device", nach der Definition von Tim O’Reilly. Denn inzwischen nutzt man Twitter entweder auch per SMS oder SMS wird auf dem Handy durch eine von inzwischen vielen verfügbaren Twitter-Mobilapplikationen verdrängt. In letzterem Fall muss man sich mit verschiedenen, nicht zueinander kompatiblen Betriebssystemen bei der Installation herumschlagen und nutzt dann den reinen Datenkanal von seinem Mobile-Operator. Dieser wiederum ist von seinem konkurrierenden Mobile-Operator wie in einem vertikal abgeschotteten Silo getrennt. Und genau darin liegt die Crux: Nichts liegt stärker im Interesse von T-Mobile & Co. als dieser ätztende Status Quo, denn allen Beteiligten ist glasklar, dass sich die ARPU (Average Revenue per User) für die Telcos nur verschlechtern wird, sofern sie auf die Lieferung des reinen Datenkanals reduziert werden. Technisch wäre das längst mit besten Bandbreiten möglich. Dieser Status Quo wird gelegentlich auch noch in einer kartellhaften Symbiose zwischen Telcos und Handset-Herstellern zementiert, indem halbherzige Geräte wie das Nokia N 8100 gelauncht werden, die zwar mehr nach Internet-Nutzererfahrung riechen, mit denen man aber dafür nicht klassisch telefonieren kann.

Open Source Browser als Lösung
Und mein letzter Satz bzw. der ganze letzte Absatz beschreibt implizit das ganze Drama: Wir leben in einer Welt, haben ein Internet aber sind trotzdem noch in parallelen Welten zwischen einem vermeintlich statischen Desktop und einem vermeintlich mobilen Endgerät unterwegs. Dazu hat gestern auf der Web 2.0 Mitchell Baker, Chairman der Mozilla Foundation, einen – wie man so schön auf Englisch sagt – "thought provoking" Vortrag gehalten. Kernaussage: "Wir behindern uns mit diesem erlernten Denken selbst darin, eine bessere Lösung auf den Weg zu bringen." Aus ihrer Sicht dreht sich Lösung – wenig überraschend- um einen offenen Browser-Standard von Mozilla, derzeitiger Codename "Fennec".

Mitchell Baker at Web 2.0 Expo

Vorher war auch noch der Wegbereiter des Browsers Marc Andreesen zu Gast, der sich mit seniorer Bescheidenheit daran erfreut hat, dass vieles was sich Mozaic bzw. Netscape als Funktionen wie Cookies, Backbutton und Java Script hat einfallen lassen, heute im Browser nicht mehr wegzudenken ist. Es macht aus meiner Sicht wirklich Sinn, die schöne neue Welt im Internet, ohne Grenzen zwischen Desktop und Mobile über einen Browser zu lösen. Um so mehr, als durch distribuierte Datenspeicherung in der "Cloud" bzw. dezentraler Rechenleistung aus dem "Grid" der Browser zum Schlüssel des "Homo Mobilis" unterwegs und im zunehmend populäreren "Third Place" wird.

Altes Denken

Laut Baker liegt der Denkfehler schon darin verhaftet, dass wir uns in 30 Jahren PC und 15 Jahren Internet so sehr an diese eine Nutzungsform gewöhnt haben, dass es sich zur fixen Idee entwickelt hat, diesen Usability-Standard konvergent auf das mobile Endgerät zu übertragen, der immer sofort an den Beschränkungen des Handys wie kleiner Bildschirm und behäbigere Eingabefunktion kleben bleibt. Konsequent weitergedacht, gibt es das "mobile Endgerät" in seiner engen sprachlichen Fassung gar nicht. Oder will irgendjemand, dass dass dieses Gerät ohnen seinen Besitzer einsam in der Straßenbahn herumfährt? Mobil ist allenfalls der Mensch und aus diesem Szenario heraus lassen sich brauchbare Usecases stricken, die schließlich von Technologie in einer dienenden Rolle umgesetzt werden. Im Idealfall wird ein solches Überdenken der mobile Anwendungsfälle auch positiv auf jene zurückwirken, die wir bisher als "nicht mobil" (d.h. Desktop) ansehen.

Usecase
Ein Nutzer mit einer Glutenunveträglichkeit ist viel auf Achse und muss sicherstellen, dass sie unterwegs etwas zu essen bekommt, was ihr wirklich bekommt. Sie setzt sich zu Hause an ihren Rechner, sucht und recherchiert, speichert und taggt sich für ihre nächste Desitination in München Schwabing alle Bäckereien, die glutenfreies Brot verkaufen. Unterwegs in München ist sie dann mit einigen wenigen Tastenfunktionen auf dem PDA in der Lage, diese Informationen auf dem mobilen Endgerät wieder auszugraben, sich eine Karte anzeigen zu lassen und sich idealerweise per GPS ans Verkaufsregal leiten zu lassen.

Niemand "browst" mehr
Das klingt doch ganz passabel, wenn man sich auch noch zusätzlich aus dem historischen Ballast löst, den alleine der Begriff "Browser" mit sich bringt. Wer hat zum letzten mal jemanden sagen gehört, es sei durch das Internet "gebrowst"? Dürfe lange her sein, weil der Begriff von der ganzen Passivität von "hier das Medium, dort der Leser" gelähmt wird. Aber das ist alles Schnee von gestern. Der Brower heute kann nicht nur Inhalte anzeigen, er erlaubt es auch Applikationen auf z.B. Facebook bzw. bei den bald angeschlossenen Open Social Netzwerken zu installieren. Insofern kann vom "browsen" herkömmlicher Natur keine Rede mehr sein. Stattdessen geht es darum, das eigene Sozialverhalten immer, überall und auch unterwegs durch lesen, schreiben, fotografieren, teilen, Videos, Livestrams und Mesh-Ups weiterzuführen. So schaffen wir uns in den verschwommenen Rollen zwischen Internet-Unternehmern und Usern jeden Tag aufs Neue unsere Online-Welt. Ein Open Source-, Open Code-Browser ist das rechte Tor dorthin.


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25. April 2008 - 15:42, abgelegt in Kategorie: Analyse, Innovation, Makro-Trends, Mobile

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