Teil 2: Das Überleben des Zufälligeren
Rund um die Evolution gibt es ein paar populäre Irrtümer, ein weit verbreiteter schlummert in der Phrase "Das Überleben des Stärkeren". Der Irrweg beginnt damit, das im englischen Original – survival of the fittest - gar nicht von Stärke, sondern nur besserer Anpassung an die Umwelt die Rede ist (von Darwin ist der Begriff auch nicht, Biologen meiden ihn, aber das nur am Rande). Noch irreführender ist aber die Idee, dass da draußen eine Umwelt existiert, der man sich nur mit genug eigener Stärke oder Fitness anpassen muss, um zu überleben.
Im Internet-Geschäft (und in jedem anderen) findet man diese Idee oft. Die Nutzer oder Kunden oder der Markt sind die rätselhafte Umwelt, an die man sich anzupassen hat, Begriffe wie "USP", "User Benefit" oder Halbsätze wie "wir richten uns nach den Bedürfnissen der Nutzer" drücken das entsprechende Weltbild aus: Wer genauer nachschaut, wie die Umwelt aussieht, und sich präziser, scheller, besser anpasst, der wird stark, und der wird überleben.
Marktforschung ist nicht vollkommen wertlos, und wer überhaupt nicht auf Beschwerden hört, bleibt nicht lange im Geschäft. Trotzdem führt die Idee der perfekten Anpassung auf die falsche Bahn, besonders wenn die Möglichkeiten so neu und unerforscht und die Folgen so chaotisch sind wie im Netz. Viele Menschen, die heute Flickr nutzen, wussten vor ein paar Monaten noch gar nicht, dass sie den Stichworten (tags) hinterherklicken möchten, die andere Menschen irgendwo auf der Welt ihren Fotos gegeben haben. Joshua Schachter, einer der Erfinder von tags und Gründer der von Yahoo gekauften Website del.icio.us, wusste anfangs auch nicht, was er da erfunden hatte. Tags waren ein Trick, den Schachter für die Organisation seiner eigenen Arbeit verwendet hatte – und der im Netz schließlich ein Eigenleben entwickelt hat, das weit über den ursprünglichen Zweck hinausgeht.
Ein Evolutionsbiologe würde das Exaption nennen – im Unterschied zu Adaption, also der nachträglichen Anpassung. Exaption ist der Fachbegriff für kreative Zweckentfremdung, einem Mechanismus, ohne den Evolution gar nicht funktionieren würde: Ein ursprünglich für einen anderen Zweck ausgebildetes Merkmal erhält durch veränderte Umweltbedingungen eine neue Funktion. Ein Beispiel aus der Geschichte der Arten sind die Federn. Reptilien haben Federn entwickelt, um neue Lebensräume zu erobern, denn Federn halten warm. Für ein Tier, dessen Tagesrhythmus ansonsten von der Temperatur der Umgebung abhängt, ein unschlagbarer Wettbewerbsvorteil. Dass Federn sich auch wunderbar zum Fliegen eignen, war erst ein paar dutzend Millionen Jahre später klar, mit der Entwicklung der Vögel.
Websites und Geschäftsmodelle entwickeln sich nicht im Jahrmillionen-, sondern im Wochentakt, aber nach ähnlichem Muster. Aus welchen Gründen und mit welchem Ziel ein Dienst, ein Produkt oder ein Feature entwickelt wurde, ist eine Sache. Warum es schließlich genutzt wird, eine ganz andere, und warum es kommendes Jahr noch genutzt werden wird, vermutlich nochmal eine dritte. Erfolg ist kein Zeichen dafür, dass die ursprüngliche Überlegung richtig war oder gar zu einem Rezept für zukünftige Entscheidungen gemacht werden kann. Erfolgreiche Anpassung ist nicht immer Zeichen überlegener Planung, sondern oft auch ein Glücksfall, weil ein Großteil der nötigen Anpassungsarbeit aus einem ganz anderen Grunde bereits erledigt war. Das bedeutet auch: Es setzen sich nicht nur Dinge durch, die für das Überleben wichtig sind – es bleiben auch Eigenschaften erhalten, die nicht weiter stören, wer weiss, vielleicht nutzen sie sogar irgendwann.
In einer Umwelt, die jenseits des eigenen Machtbereiches liegt und sich schnell und unvorhersehbar entwickelt, wird eine bunte Vielfalt und eine schnelle Generationenabfolge zu einer gute Strategie. Der Zufälligere überleben – denn was genau stark oder fit ist, ändert sich von Minute zu Minute.
Kommen irgendwann auch wieder ruhigere Zeiten? Nein, es wird eher noch schlimmer. Mehr dazu in Teil 3: "Die Evolution der Ideen"
Der Autor Martin Virtel ist Wissenschafts-Korrespondent der Financial Times Deutschland. Zum Profil.
Trackback URL für diesen Artikel:
[...] Aus Sicht der Meme ist das Internet eine solche Explosion, und aus Sicht der Menschen natürlich auch. Wenn die Erdgeschichte ein Indikator für das Web 2.0 ist – wovon ich fest ausgehe – dann wird nicht alles, was jetzt entsteht, die Jahrmillionen überleben – aber das meiste eben schon, in immer wieder abgewandelter Form – und vieles, dessen Funktion heute noch rätselhaft und zufällig erscheint, wird sich später als gute Vorbereitung erweisen (Siehe Teil 2: Das Überleben des Zufälligeren). [...]
Einen Kommentar schreiben