Zurück “auf Arbeit”: Ein Blick auf die (nahe) Zukunft
28. August 2007 |
René Seifert
Neben dem reinen "nicht arbeiten" im Urlaub, bringt die freie Zeit meist das nette Abfallprodukt mit sich, dass sich gewisse Eindrücke abseits von operativer Informationsüberflutung setzen können. Und man braucht noch nicht einmal aktiv über die Themen nachdenken, unterliegt aber in gewisser Weise dem Eindruck dass die einzelnen Versatzstücke sich zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Grüß Gott an alle, die nach den Ferien wieder zurück "auf Arbeit" sind und versuchen sich so gut es geht wieder in den Arbeitsalltag einzufädeln. Hier meine ganz persönlichen Eindrücke, was sich in der näheren Zukunft – sagen wir 12 Monate – in "unserer Branche" tun wird. Freue mich über jeden Widerspruch und jede Ergänzung.
- Die globale Durchlässigkeit von Ideen wird sich weiter beschleunigen. Eben einfach einen Dienst aus den USA nach Deutschland "klonen" stellt kein strategisches Unterscheidungsmerkmal dar. Vielmehr gehört die Beobachtung von anderen Märkten zum unverzichtbaren Handwerkszeug für jeden Unternehmer. Nachdem genau das mehr oder minder "alle" machen werden, besteht die Kunst darin bei den Anpassung an die lokalen Gepflogenheiten das richtige Händchen zu beweisen.
- Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Begriff "Web 2.0" seine Halbwertszeit überschritten haben wird – und das ist auch gut so. Der Begriff verbreitete nach der geplatzten Dot.com-Blase à la "Auferstanden aus Ruinen" die nötige Zuversicht. So nutzen wir heute wie selbstversändlich zahlreiche neue Dienste, die unser digitales Leben reich und die klugen Köpfe dahinter erfolgreich gemacht haben. Umgekehrt suggeriert der Begriff leicht und fälschlicherweise, es handele sich um ein in sich geschlossenes Phänomen, womöglich noch mit einer zentralen Steuerung. Vielmehr haben Services wie Flickr oder MySpace neue Prinzipien zur Anwendung in den Markt gebracht, die erst in ihrer beschreibenden Abstraktion das Genre "Web 2.0" geprägt haben. Das daraus resultierende breitere Verstehen über "was passiert hier eigentlich" hat wiederum als Katalysator etliche weitere Dienste in ihrer Entstehung befeuert. Aber hat in einem solchen schnell drehenden Umfeld das 482. Social Network wirklich noch eine Chance? Es ist Zeit diese Beschränkung mit Bahn brechender Innovation zu sprengen.
- In einem gesunden Spannungsverhältnis zur letzten Aussage sehe ich sehr wohl beste Chancen für Communities und Social Networks in Nischen, sofern sich die größten Hürden der Anwendung durch offene und gemeinsame Standards überwinden lassen. Nämlich die oben genannte 482. Neuregistrierung des eigenen Profils durch Open ID zu vereinfachen bzw. den eigenen "Social Graph" durch ebenso Open Source zu portieren. Dies wird freilich auch dazu führen, dass die hohen monetären Bewertungen dieser Communuties deutlich in den Keller rutschen, weil das zentrale Argument des "Lock In" von Netzwerkexternalitäten nicht mehr zu halten ist. Gleichwohl werden viele Nutzerprofile auch weiter ihren schleichenden virtuellen Tod sterben, wie Spiegel Online heute am Beispiel von Second Life festmacht.
- Sicherlich die spekulativste meiner Aussagen, aber sei’s drum: Diese "Bahn brechende Innovation" wird im ehesten im Umfeld des so genannten Semantic Web anzutreffen sein, wie John Markoff in seinem wichtigen Artikel der New York Times schreibt. Klassischer Anwendungfall, der mit der der heutigen Web-Topologie keine sinnvolle und vor allem direkte Antwort bietet:
I’m looking for a warm place to vacation and I have a budget of $3,000. Oh, and I have an 11-year-old child.
Als die mit Abstand beste Abhandlung zum Thema, mit sämtlichen Möglichkeiten aber ebenso mit dem noch langen Weg dorthin, empfehle ich hier aus der "Technology Review" des MIT. Ein anderer hilfreicher Artikel hier im "The Economist".
- Mobiles Netz: Ingesamt über 1 Milliarden Menschen sind heute weltweit bereits im Internet, die Mehrzahl über Desktop und Notebook. Die "Ausweitung der Kampfzone" in Richtung mobiler Nutzung hat gerade erst begonnen. Verfügen heute 250 Millionen Handys über einen Webbrowser, so sollen es im Jahr 2010 dann schon 814 Millionen sein. Erfreulicherweise sind sich die Experten einig, dass es kein paralleles mobiles Internet-Universum geben wird. Stattdessen geht es darum, die reduzierte "User Experience" auf einem kleineren Display durch schlaue Lösungen auszugleichen und vor allem bestehende Inhalte und Services mit georeferenzierten Informationen zum augenblicklichen Standort anzureichern. Endlich haben sich die Mobilfunkbetreiber in Deutschland bequemt, die Preise für mobiles Internet deutlich zu senken und so die Voraussetzung für eine Verbreiterung der Nutzerbasis zu schaffen. In diesem Eco-System werden sicherlich bald spannende neue Dienste gedeihen.
"Ohne Moos nix los" gilt mehr denn je, aber genau darin steckt die beste aller Nachrichten: Dank transparenter Märkte von Business Angels, Inkubatoren und Risikokapitalgebern jagt wesentlich mehr Geld guten Ideen und fähigen "Umsetzern" hinterher als umgekehrt. Wie auch "The Economist" neulich unter "Virtual Repeat" schreibt, liegen die Investitionen für ein Start-Up im Internet bei verhältnismäßig geringen 100.000 Dollar, die ein besonnener Investor im Zuge seiner Portfolio-Strategie wesentlich schneller auf den Tisch legt als noch den zehnfachen Wert zum Millenium. Freilich werden viele, oder gar die meisten Projekte und Ventures, über die Wupper gehen, aber die wenigen Erfolgreichen sollten bei rationaler Vorgehensweise die Verluste aufwiegen.
Für uns Unternehmer heißt das: Die Zeiten sind so gut wie nie etwas Neues zu beginnen. Die Schlagzahl im Wettbewerb zieht spürbar an. Es schadet nicht Konzepte sauber durchzudenken und im Hinblick auf ihre tatsächliche Nachhaltigkeit kritisch zu hinterfragen. Ansonsten einfach machen und warum nicht heute damit beginnen?
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